Sektion 9

Sektion 9: Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt im Mittelalter: Syntax und Semantik von Verben

Katrin Axel-Tober (Tübingen), Sarah Dessì Schmid (Tübingen), Achim Stein (Stuttgart), Carola Trips (Mannheim)

Kontakt: sarah.dessi@uni-tuebingen.de

Die Sektion befasst sich mit Mehrsprachigkeit im Mittelalter im europäischen Raum und konzentriert sich auf Sprachkontaktphänomene im Bereich der Syntax und Semantik von Verben. Daneben strebt sie an, die Leitbegriffe dieser DRV-Tagung durch die Kooperation von Romanistik, Anglistik und Germanistik auch institutionell umzusetzen. 

Sowohl in der Germania als auch in der Romania war das Mittelalter (das wir hier zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert datieren) gekennzeichnet durch eine komplexe sprachliche Situation, die sich deutlich in der schriftlichen Produktion sowie – wie wir annehmen dürfen – wohl auch in der mündlichen Kommunikation zeigte. Das Lateinische, das die Bildungs- und Verwaltungssprache war, stand im Gegensatz zu den Volkssprachen Alt- und Mittelenglisch, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch sowie den verschiedenen altromanischen Volkssprachen. Für die Romania gilt dies in besonderer Weise, da diese direkt aus dem Lateinischen entstanden und gerade der Ausgangspunkt ihrer Herauskristallisierung und ihres ersten Ausbaus eine Diglossie-Situation darstellte, in der für distanzsprachliche Zwecke das Lateinische verwendet wurde, während die nähesprachliche Kommunikation (vgl. Koch/Oesterreicher 1990) im volkssprachlichen Idiom realisiert wurde. Hinzu kamen Kontaktsituationen, die durch politische (beispiels­weise den Kontakt zwischen dem Anglo-Normannischen und dem Mittelenglischen) und kulturelle Ereignisse ausgelöst wurden.

Obwohl hinreichend bekannt ist, dass Mehrsprachigkeit im europäischen Mittelalter bestand, haben sich aus systemlinguistischer Sicht bislang sehr wenige Arbeiten damit beschäftigt, sowohl in den Einzelphilologien (Anglistik, Germanistik und Romanistik) als auch sprachübergreifend (vgl. Schendl and Wright 2011, Schendl 2012). Im anglistischen Kontext wird die Sprachkontaktsituation zwischen dem Anglo-Normannischen und Mittelenglischen, die von 1066 bis ins 15. Jahrhundert bestand, als die bedeutendste im Mittelalter angesehen (vgl. z.B. Rothwell 2001, Ingham 2012). Es liegt zwar eine Reihe von Arbeiten zum Lehnwortschatz vor, aber nur einige wenige zur strukturellen Entlehnung von Verben und Verbkonstruktionen. In der Germanistik wird die Rolle lateinischer Vorlagen bzw. der lateinischen Bildung der Verfasser/Schreiber auf die Grammatik/Syntax des mittelalterlichen Deutsch kontrovers diskutiert. Die ältere Einschätzung Max Wehrlis, welche der deutschen Sprachgeschichte noch jegliche autonome Entwicklung abspricht, ist einem differenzierten Blick auf Interferenzerscheinun­gen gewichen (z.B. Lötscher 1990 zu erweiterten Adjektiv- und Partizipialattribu­ten, Speyer 2001 zum AcI), dennoch mangelt es nach wie vor an „Spezialunter­suchungen, die das Verhältnis Deutsch Latein an entsprechenden Texten unvoreingenommen überprüfen“ (Prell 2001: 9). Die Romanistik hat sich der Erforschung der Mehrsprachigkeit in der Romania aus einer allgemein-theoretischen varietätenlinguistischen, sprachgeschichtlichen oder philologischen Perspektive gewidmet und sich dabei meist auf Verschriftung vs. Verschriftlichung der romanischen Volkssprachen, auf Diskussionen zur Koineisierung bzw. Standardisierung und auf  Varietätenkontaktphänomene konzentriert (u.v.a. Frank et al 1997, Gärtner et al. 2001, Grübl 2014, Koch 2008, Lodge 2004 und 2009, Lüdi 1985, Lusignan 2004, Selig 2008, Völker 2003 und Wright 2002). Es liegen auch Untersuchungen zu speziellen grammatikalischen und syntaktischen Phänomenen vor (Sornicola 2007, 2008 und 2014), zur Semantik und (Morpho)­syntax des Verbalbereichs ist jedoch noch kaum eine Untersuchung zu finden.

Die Sektion – die theoretische und historische Perspektive zusammenführt – möchte nun diese thematische Lücke füllen und aus der gewählten Perspektive – philologieübergreifend – Formen der Mehrsprachigkeit untersuchen, wie Bilingualismus, lateinisch-romanische Volkssprachen bzw. lateinisch-deutsche und lateinisch-englische Zweisprachigkeit, Code-switching in gemischten Texten etc. Mögliche, zu untersuchende Phänomene aus dem Bereich der Syntax und Semantik von Verben sind etwa Entlehnung von Argumentstruktur (syntaktische wie semantische Valenz), Partizipial- und Infinitivkonstruktionen, satzwertige Elemente, Kollokationen, verbalperiphrastische Konstruktionen, Übersetzungs- und Lehnsyntax und Verbstellung.

Die Behandlung dieser Phänomene legt eine enge Verbindung auch mit Themen der Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit, Volkssprache vs. Literatursprache sowie der Textsorten und Diskurstraditionen nahe.

 

Bibliographie

Frank, B.; Haye, T.; Tophinke, D.: Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit, Tübingen 1997.

Gärtner, K.; Holtus, G.; Rapp, A.; Völker, H.: Skripta, Schreiblandschaften und Standardisie­rungs­tendenzen. Urkundensprachen im Grenzbereich von Germania und Romania im 13. und 14. Jahrhundert, Kliomedia, Trier, 2001.

Grübl, K.: Varietätenkontakt und Standardisierung im mittelalterlichen Franzö­sisch: Theorie, Forschungsgeschichte und Untersuchung eines Urkunden­korpus aus Beauvais (1241 – 1455), Tübingen, Narr, 2014.

Henkel, N.; Palmer, N. H. (Hgg.): Latein und Volkssprache im deutschen Mittel­alter, Regenburger Colloquium 1988, Tübingen, 1992.

Ingham, R.: The transmission of Anglo-Norman: language history and language acquisition, volume 9 of Language faculty and beyond, John Benjamins, Amsterdam, Philadelphia, 2012.

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Koch, P.; Oesterreicher, W.: Gesprochene Sprache in der Romania, Niemeyer, Tübingen, 1990.

Lodge, R. A.: “Le français et l’occitan en Auvergne au XIVe siècle: l’exemple de Montferrand”in: Baronial, L.; Martineau, F. (Hgg.): Le français d’un continent à l’autre. Mélanges offerts à Yves Charles Morin, Montréal 2009, 269-289.

Lodge, R. A.: A Sociolinguistic History of Parisian French, Cambridge, 2004.

Lötscher, A.: “Variation und Grammatisierung in der Geschichte des erweiterten Adjektiv- und Partizipialattributs des Deutschen”, in: Betten, A. (Hgg), Neuere Forschungen zur historischen Syntax des Deutschen. Referate der internationalen Fachkonferenz, Eichstätt 1989. Tübingen, 1990, 14–28.

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Sornicola, R.: “Syntactic Conditioning of Case Marking Loss: A Long Term Factor between Latin and Romance?”, in: Van Acker, M.; Van Deyck, R.; Van Uytfanghe, M. (Hgg.): Latin écrit – Roman oral? De la dichotomisation à la continuité, Turnhout, Brepols, 2008, 233-251.

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 Schendl, H.; Wright, L. (Hgg): Code-switching in Early English. Number 76 in Topics in English linguistics, Berlin/Boston, de Gruyter, 2011.

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Trips, C.; Stein, A.: “Contact-induced changes in the argument structure of Middle English verbs on the model of Old French”, erscheint in: Grossman, Eitan; Serzants, Ilja; Witzlack-Makarevich, Alena (Hgg.): Contact Journal of Language Contact (Special Issue on Valency and Transitivity).

Völker, H.: Skripta und Variation. Untersuchungen zur Negation und zur Substantivflexion in altfranzösischen Urkunden der Grafschaft Luxemburg (1237-1281), Tübingen, Niemeyer, 2003.

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