Sektion 16

Sektion 16: Diachrone Migrationslinguistik: Mehrsprachigkeit in historischen Sprachkontaktsituationen

Roger Schöntag (Erlangen-Nürnberg), Stephanie Massicot (Erlangen-Nürnberg)

Kontakt: roger_schoentag@yahoo.de

Die noch relativ junge Disziplin der Migrationslinguistik hat einen Aspekt in der Sprach­kontaktforschung fokussiert, dem zuvor nicht immer die ihm zustehende Aufmerk­samkeit gewidmet worden war: Migration und der damit einhergehende Kultur- und Sprachkontakt sind ein konstitutives Element unserer Gesellschaft. Migratorische Bewegungen zeitigen kurz- oder längerfristige Konstellationen verschiedener Arten von Mehrsprachigkeit kleinerer oder größerer Teile einer Gesellschaft bzw. Sprachgemeinschaft, was wiederum verschiedene Sprachkon­taktsituationen zur Folge hat. Die bisherige Forschung hat sich in großen Teilen vor allem auf individuelle Mehrsprachigkeit in gegenwartsbezogenen Kontexten konzentriert sowie in Bezug auf die Mehr­sprachigkeit in erster Linie bilinguale Kontakt­situationen zum Untersuchungsgegenstand gemacht.

Das Ziel dieser Sektion ist es hingegen, durch Migration bedingte Sprachkontakt­situationen ins Zentrum des Interesses zu rücken, die primär Sprechergemein­schaften betreffen und die durch plurilinguale Konstellationen geprägt wurden. Dabei liegt der Fokus auf Kontaktsituationen nicht nur der jüngeren Geschichte, sondern der verschiedensten historischen Epochen und auf deren dynamischer Entwicklung (diachroner Aspekt).

Methodische Grundlage sind dabei die bisherigen Modelle der Sprachkontakt­forschung, der Migrations­linguistik und der Mehrsprachigkeitsforschung. In der Sektion sollen auf Basis dieser drei Disziplinen die spezifischen Gesetzlichkeiten bei historischen, plurilingualen Kontaktsituationen und deren Dynamik heraus­gestellt werden; anhand von Einzelfallstudien sollen dabei auch auf theoretischer Ebene neue Wege beschritten werden.

Betrachtet man die bisherige Forschung zu den drei genannten Bereichen, so lassen sich folgende Kerngedanken resümieren: Die inzwischen etablierte Sprachkontaktforschung bildet mit ihren Modellen von language shift, language maintenance, borrowing, interference oder language death die theoretische Grundlage (cf. Goebl et al. 1996/1997, Thomason 2001, Winford 2003) auch für Fragen der Migrationslinguistik (cf. Schöntag 2008), vernachlässigt aber in der Regel den dynamischen Aspekt und die Frage nach dem Zusammenwirken von mehreren Sprachen und Varietäten.

Die Mehrsprachigkeitsforschung konzentriert sich u.a. auf Fragen nach den Typen von Bilingualität, der Sprachdominanz bzw. Sprachbalance, nach einzelnen Transferprozessen sowie Phänomenen des code-mixing und des code-switching (cf. Müller et al. 2011). Der Fokus liegt dabei auf individueller Mehr­sprachigkeit und nur gelegentlich auf dem Plurilingualismus von Sprach­gemeinschaften; bzgl. der Romania vor allem in der Schweiz und in Südtirol (cf. Dürmüller 1996, Egger 2001), obwohl tatsächlich Europa von vielsprachigen Ländern geprägt ist, aber nicht allzu selten noch das Erbe einer „homo­glossischen“ (Lüdi et al. 2008:1) Ideologie der Nationalstaaten nachwirkt; zu außer­europäischen Konstellationen, in denen auch der plurilinguale Aspekt berücksichtigt wird, cf. z.B. Prifti (2013).

Die Wichtigkeit von Migration und der damit einhergehenden Sprachdynamik ist seit langem bekannt (cf. Gamillscheg 1936). Im Zuge der vor allen Dingen seit den 1980er Jahren stattfindenden Hinwendung zur Mehrsprachigkeit in Migrations­kontexten kommt es dann zu einer beträchtlichen Anzahl an Publikationen zur Migrationslinguistik (cf. allgm. z.B. Lüdi 1984) mit einem bisherigen Höhepunkt in den letzten Jahren (cf. u.a. Mattheier (2000), Erfurt et al. (2003), Stehl 2011, 2013). Zu einem Standardwerk avancierte dabei die Einführung in die Migrationslinguistik von Thomas Krefeld, in der er die Migrations­linguistik auf empirischer, wissenschafts­geschichtlicher und sprach­theoretischer Basis als „eine eigene Subdisziplin“ (Krefeld 2004: 110) präsentiert. Niemand wird also bestreiten, dass die Migrationslinguistik bereits einige wichtige Forschungs­bereiche neu erschlossen hat und es mit Stehl (2011, 2013) auch erste Ansätze gibt die einzelnen Kontakt­situationen nicht wie bisher als statische Resultate, sondern als sprach­dyna­mische Prozesse zu beschreiben. Es wird aber dennoch eine klare Lücke deutlich: Trotz des eindeutigen Zusammenhangs zwischen Migrations­linguistik, Mehrsprachig­keit und Sprachkontakt auch in historischen Kontexten kann von einer systematischen Beschreibung und Analyse derartiger Migrations- und Sprachkontaktszenarien nicht die Rede sein. Vielmehr stehen sich diese Untersuchungs­bereiche weitgehend isoliert gegenüber und beziehen sich im Gros der Fälle auf synchrone Aspekte.

Hieraus bieten sich für die Sektionsarbeit mehrere diachrone Zugänge an, die allesamt an der Schnittstelle zwischen Migrationsforschung, Mehrsprachigkeits- und Sprachkontaktforschung anzusiedeln sind und sich chronologisch wie folgt aufgliedern:

– Mittelalter: Die Epoche war geprägt von Migration und daraus resultierenden plurilingualen Sprachkontakt­situationen. So lag auch hier der bisherige Fokus auf relativ vereinfachenden Analysen, in denen nur eine Kontaktsituation betrachtet wurde – die Komplexität der mittelalterlichen Sprachlandschaft wird dadurch inadäquat reduziert. Eine bewusste Hinwendung zu mehreren gleichzeitig stattfindenden Kontaktsituationen (Adstrate), die vor allem in Grenzzonen anzutreffen sind, ermöglicht neuen Erkenntnis­gewinn und eine systematische Bereicherung bestimmter Konzepte (z.B. Koinesierung, scriptae). Wie gestalteten sich nun diese Kontaktsituationen (zum Kulturkontakt Latein – Okzitanisch – Kastilisch cf. z.B. Kabatek 2005)? Und welche Fragen oder methodischen Probleme wirft diese neue Perspektive auf? Und wie können die unterschiedlichen Ausprä­gungen und Resultate der plurilingualen Kontaktsituationen beschrieben werden?

– Frühe Neuzeit: Gerade vom 15.-17. Jh. dominieren in Europa verschiedene prestigereiche Kultursprachen, die sich zum Teil ablösen, zum Teil aber auch parallel ihre Wirkung entfalten. So ist neben dem stetig präsenten Latein zunächst das Spanische als Sprache eines neu entstehenden Kolonialreiches und eines einflussreichen Hofes von einer gewissen Dominanz, zeitgleich aber auch das Italienische als wichtige Kultursprache im Rahmen der Renaissance wirksam sowie spätestens ab dem 17. Jh. das alsbald dominierende Französisch. Hierbei entstehen verschiedene plurilinguale Kontaktsituationen im Zuge von Eroberung und Kulturaustausch (Migrationen). Exemplarisch für bereits partielle Bearbeitungen seien hier so unterschiedliche Konstellationen wie im Königreich Neapel (Spanisch, Latein, Toskanisch, Neapolitanisch; cf. Gruber 2014) oder in Bayern (Baierisch, Französisch, Italienisch; cf. Massicot 2015) genannt. Wie stellt sich aber z.B. die Situation in Portugal zu Zeiten der spanischen Personalunion (Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Latein) oder in anderen historischen Konstellationen mit einer plurilingualen Kontaktsituation dar?

– Neuzeit: Industrialisierung, verbesserte Verkehrsanbindungen und die daraus hervorgehende Massen­emigration im 19. und 20. Jahrhundert, Urbanisierung, Kolonisation, Dekolonisation: All diese Phänomene machen Migration zu einer der zentralen Erscheinungen der Neuzeit, aus der mehrfach bedingte Sprach­kontakte mit entsprechenden Prozessen und sprachlichen Ergebnissen resultieren. Wie lassen sich diese komplexen Situationen von Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in der Romania continua und insbesondere in der Romania nova beschreiben? Welche konkreten Perspektiven eröffnen sich – auch in methodischer Hinsicht – beispielsweise für Konzepte wie Pidginisierung oder Kreolisierung (cf. Zimmermann 2009; Lipski 1998), wenn wir von der Vorstellung einer mehr­sprachigen historischen Sprachkontaktsituation in diachroner Perspektive ausgehen?

Insgesamt stellen sich also vor allem Fragen nach der Distribution der Sprachen in verschiedenen Kommunikationssituationen und nach den Arten der gegenseitigen Beeinflussung sowie nach den Ablösungs­prozessen bzw. nach Dominanz und Persistenz einer Sprache in bestimmten kommunikativen Domänen und Teilen der Sprach­gesellschaft. Interessant für die Sektionsarbeit sind jedoch jenseits der beispielhaft aufgeführten Einzelkonstellationen auch andere durch Migration bedingte plurilinguale Kontaktsituationen in historischer Dimension (europäische und koloniale Migration).

 

Bibliographie

Dürmüller, Urs (1996): Mehrsprachigkeit im Wandel: von der viersprachigen zur vielsprachigen Schweiz, Zürich: Pro Helvetia.

Egger, Kurt (2001): Sprachlandschaft im Wandel. Südtirol auf dem Weg zur Mehrsprachigkeit, sozio­linguistische und psycholinguistische Aspekte von Ein- und Mehrsprachigkeit, Bozen: Athesia.

Erfurt, Jürgen; Budach, Gabriele; Hofmann, Sabine (2003): Sprachenlernen und Mehrsprachigkeit im Kontext von Migrationsprozessen. Problemaufriss und Empfehlungen, in: Mehrsprachigkeit und Migration. Ressourcen sozialer Identifikation, Frankfurt a.M., Berlin/New York: Lang, 251-259.

Gamillscheg, Ernst (1934-1936): Romania Germanica. Sprach- und Siedlungs­geschichte der Germanen auf dem Boden des alten Römerreiches, 3 Bände, Berlin: de Gruyter.

Goebl, Hans; Nelde, Peter H.; Starý, Zdeněk; Wölck, Wolfgang (Hgg.) (1996/1997): KontaktlinguistikEin internationales Handbuch zeitgenössi­scher Forschung, 2 Halbbände, Berlin/New York: de Gruyter (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 12.1/12.2).

Gruber, Teresa (2014): Mehrsprachigkeit und Sprachreflexion in der Frühen Neuzeit: Das Spanische im Königreich Neapel, Tübingen: Narr.

Kabatek, Johannes (2005): Die Bolognesische Renaissance und der Ausbau romanischer Sprachen. Juristische Diskurstraditionen und Sprachentwicklung in Südfrankreich und Spanien im 12. und 13. Jahrhundert, Tübingen: Niemeyer.

Krefeld, Thomas (2004): Einführung in die Migrationslinguistik. Von der Germania italiana in die Romania multipla, Tübingen: Narr.

Lipski, John M. (1998): Latin American Spanish: Creolization and the African Connection, in: Publication of the Afro-Latin/American Research Association (PALARA) 2, 54-78.

Lüdi, Georges (1984): Zweisprachigkeit durch Migration. Einführung in die Erforschung der Mehrsprachigkeit am Beispiel zweier Zuwanderergruppen in Neuenburg (Schweiz), Tübingen: Niemeyer.

Lüdi, Georges; Seelmann, Kurt; Sitter-Liver, Beat (Hrsg.) (2008): Sprachenvielfalt und Kulturfrieden. Sprachminderheit – Einsprachigkeit – Mehrsprachigkeit: Probleme und Chancen sprachlicher Vielfalt, Freiburg: Academic Press Fribourg/Stuttgart: Kohlhammer.

Massicot, Stephanie (2015): Kostbares und Exquisites: Der französische Einfluss auf den bayerischen und fränkischen Konsum von 1600-1800 – Eine Untersuchung zu Kultur- und Sprachkontakt, in: Wüst, Wolfgang (Hgg.): Regionale Konsumgeschichte. Vom Mittelalter bis zur Moderne. Referate der Tagung vom 26. bis 28. Februar 2014 im Bildungszentrum Kloster Banz, Erlangen: Zentralinstitut für Regionenforschung. Stegaurach: Wissenschaft­licher Kommissionsverlag, 159-177.

Mattheier, Klaus (Hgg.) (2000): Dialect and Migration in a Changing Europe, Frankfurt a. M.: Lang.

Müller, Natascha; Kupisch, Tanja; Schmitz, Katrin; Cantone, Katja (³2011): Einführung in die Mehrsprachigkeits­forschungTübingen: Narr.

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Stehl, Thomas (Hrsg.) (2011): Sprachen in mobilisierten Kulturen: Aspekte der Migrationslinguistik, Potsdam: Universität Potsdam.

Thomason, Sarah Grey (2001): Language Contact. An Introduction, Edinburgh: Edinburgh University Press.

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Zimmermann, Klaus (2009): Migración, contactos y nuevas variedades lingüísti­cas: Reflexiones teóricas y ejemplos de casos de América Latina, in: Escobar, Anna María; Wölck, Wolfgang (Hgg.): Contacto lingüístico y la emergencia de variantes y variedades lingüísticas, Frankfurt a.M.: Vervuert/Madrid: Ibero­americana, 129-160.