Sektion 15

Sektion 15: Morphosyntax der romanischen Sprachen und ihre formale Analyse

Natascha Pomino (Wuppertal), Eva-Maria Remberger (Wien), Marc-Olivier Hinzelin (Hamburg)

Kontakt: pomino@uni-wuppertal.de, eva-maria.remberger@univie.ac.at,
marc.hinzelin@gmail.com

DynamikBegegnung und Migration sind Begriffe, die in dreierlei Hinsicht den Schwerpunkt dieser Sektion bilden:

1. Morphologie und Syntax sind strukturgenerierende und somit dynamischeKomponenten der Grammatik und unter Morphosyntax in einem engen Sinne versteht man den Bereich der Grammatik, in dem die Kodierung syntaktischer Merkmale mit morphologischen Mitteln erfolgt. Es ist also der Bereich, in dem sich Morphologie und Syntax auf eine ganz besondere Art und Weise begegnen. Ein typisches Beispiel für diese Begegnung ist Kongruenz, bei der die Merkmale von einem Element zu einem anderen migrieren. Klassische Beispiele von Kongruenz sind Genus- und Numeruskongruenz innerhalb der Nominalphrase, Partizipial­kongruenz sowie Subjekt-Verb-Kongruenz. Bei Letzterer wird immer wieder die Frage diskutiert, ob es eine Korrelation zwischen reicher Verbalflexion und Verbbewegung gibt (cf. Koeneman & Zeijlstra 2014 für eine Wiederbelebung der sogenannten Rich Agreement Hypothesis). Diese Sektion möchte sich aber auch mit Kongruenzphänomenen in einem weiten Sinne beschäftigen (z.B. negative concordsemantic agreement) und daher Phänomene beleuchten, die allgemein an der Syntax-Morphologie-Schnittstelle zu verorten sind, wie z.B. die Vererbung von Argumentstruktur bei der Derivation (z.B. Nominalisierungen wie la destrucción de la ciudad), ausgewählte morphosyntaktische und semantische Aspekte von Komposita etc. Was die Diachronie betrifft, können hier auch Phänomene behandelt werden, bei denen ein syntaktisches Verfahren für die Kodierung eines Merkmals, einer Funktion etc. durch ein morphologisches ersetzt wurde und umgekehrt. Mögliche Fragestellungen können hier sein: Was sind die Faktoren, die einen solchen Wandel auslösen? Wie ist dieser Wandel formal zu erfassen (cf. reanalysis through upward movement; Roberts 2010)? Wie ist Kongruenz diachron entstanden?

2. Die Begriffe DynamikBegegnung und Migration lassen sich in dieser Sektion aber noch in einer anderen Richtung denken: Ziel dieser Sektion ist es nämlich auch, Vertreter unterschiedlicher theoretischer Ausrichtungen (z.B. Grammatik­theorie, Dialektologie, Soziolinguistik, Psycholinguistik, Korpuslinguistik) zusammen zu bringen (Begegnung), um neue Einblicke in morphosyntaktische Phänomene der romanischen Sprachen zu gewinnen, um die Diskussion (Dynamik) über die Aussagekraft der theoretischen Modelle zu fördern und um ihre Kompatibilität ggf. zu erhöhen (Migration bzw. Übernahme von Erkenntnissen aus einer Theorie in die andere). In vielen syntaktischen Ansätzen werden beispielsweise Genus- und Numerusmerkmale bzgl. Kongruenz gleich behandelt, neuro- und psycholinguistische Studien weisen jedoch darauf hin, dass sich inhärente Merkmale (z.B. Genus) anders verhalten als nicht inhärente Merkmale (z.B. Numerus) (cf. z.B. Barber & Carreiras 2005). Diese Sektion soll daher auch dem Austausch solcher Erkenntnisse dienen.

3. DynamikBegegnung und Migration bedeutet für diese Sektion aber auch, dass wir morphosyntaktische Phänomene der romanischen Sprachen aus der Perspektive des Sprachkontakts, also der Begegnung zweier Sprachen und/oder Varietäten, diskutieren möchten. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Zwei­sprachigkeit Dialekt und Standard sowie auf der Grammatik der sogenannten Herkunftssprecher (heritage language speakers; die zweite Migrantengeneration, deren Familiensprache eine andere als die Umgebungssprache ist) aber auch auf der Wechselwirkung zwischen Migration und Sprachwandel (Dynamik) in der Grammatik im Allgemeinen. Folgende Punkte können hier thematisiert werden: Führen unterschiedliche soziale Rahmenbedingungen zu unterschiedlichen Arten von (kontaktbedingtem) Sprachwandel? Gibt es eine Abhängigkeit zwischen sozialer Situation und den Arten des Sprachwandels? Da viele Hypothesen und Analysen auf den Standardvarietäten der romanischen Sprachen basieren, ist ein weiteres Anliegen dieser Sektion, die zu analysierende Datenbasis zu erweitern, indem auch oder verstärkt diatopische, diaphasische und diastratische Varietäten berücksichtigt werden. Hierdurch sollen die morphosyntaktischen Unterschiede herausgearbeitet und auch der Frage nachgegangen werden, ob bestimmte morphosyntaktische Aspekte einer Varietät mit anderen Eigenschaften dieser Varietät korrelieren oder nicht. Unter einem methodologischen Gesichtspunkt ist es zudem ein spannendes Unterfangen, Spracherwerbsdaten mit dialektalen und diachronen Korpora zu vergleichen, um möglicherweise Parallelen beim Sprach­erwerb und der Entwicklung von morphosyntaktischen Phänomenen feststellen und daher erwerbsbezogene und diachrone Sprachentwicklung besser nachvoll­ziehen zu können.

Eingereichte Vorträge sollten einen der oben erwähnten Aspekte diskutieren.

 

Bibliographie

Barber, H.; Carreiras, M. (2005): Grammatical gender and number agreement in Spanish: An ERP comparison, in: Journal of Cognitive Neuroscience, 17(1), 137–153.

Koeneman, O.; Zeijlstra, H. (2014): The Rich Agreement Hypothesis Rehabilitated, in:Linguistic Inquiry, 45(4), 571–615.

Roberts, I. (2010): Grammaticalization, the clausal hierarchy and semantic bleaching, in: Traugott, E.; Trousdale, G. (eds.): Gradience, gradualness and grammaticalization, Amsterdam: John Benjamins, 45–75.