Sektion 14

Sektion 14: Prosodie und konzeptionelle Variation. Kommunikations­bedin­gungen, Planungsgrad und Aktivitätstypen als Parameter prosodischer Gestaltung

Alexander Kalkhoff (Regensburg), Maria Selig (Regensburg), Christine Mooshammer (Berlin)

KontaktAlexander.Kalkhoff@sprachlit.uni-regensburg.de

Als Marie-Annick Morel und Laurent Danon-Boileau 1998 ihre „Grammaire de l’intonation“ vorstellten, formulierten sie ein prosodisches Modell, das sich konsequent von der Orientierung an etablierten syntaktischen Einheiten löst und die Funktionsbestimmung und Abgrenzung prosodischer Phänomene ausschließlich von gesprächsanalytischen Gesichtspunkten ableitet. Zentral ist ihre Einsicht, dass die Konstitution des „Paragraphe oral“ wesentlich von der abschließenden Kontur, in ihrer Terminologie „Rhème“, geleistet wird, die alle voraus­gehenden Elemente, unbesehen ihres syntaktischen Statusʼ und ihrer Komplexität, retrospektiv als „Préambule“, d.h. als ‚Auftakt‘, zusammenordnet (Morel & Danon-Boileau 1998: 21-36). Auch der Germanist Peter Auer deutet im Rahmen seiner „online-Syntax“ eine Verortung der Prosodie auf der makrosyntaktischen, d.h. textsyntaktischen, Planungsebene an (Auer 2010: 41).

Es dürfte kein Zufall sein, dass beide Ansätze auf der Analyse sprechsprachlicher, im gesprächsanalytischen Kontext erhobener Korpora basieren. Das ist insofern bemerkenswert, als die prosodische Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte häufig auf semispontane, in Laborsituationen generierte Sprachdaten zurückgriff und die aus dem experimentellen Design resultierenden Merkmale ihrer Datenbasis nicht immer ausreichend thematisierte. Dies betrifft etwa die fehlende Einbettung in einen sich entwickelnden Text-/Gesprächszusammenhang und das damit verbundene Ausblenden zentraler Aspekte der syntaktisch-diskursiven Planung. Weitere Probleme ergeben sich aus der Einschränkung der thematischen und pragmatischen Variation durch das experimentelle Design, vor allem aber durch die mit den Elizitierungsstrategien und der Laborsituation verbundene Veränderung der ‚natürlichen‘ Kommunikationsbedingungen. Untersuchungen, die sprechsprachliche Korpora nutzen, haben allerdings immer wieder gezeigt, dass die Entscheidung für interaktive, thematisch nicht gelenkte und online formulierte Sprachdaten die prosodische Theoriebildung wesentlich beeinflusst (vgl. etwa Bergmann 2009; Schaefer 2013; Moroni 2016) und deshalb weit mehr ist als die Erweiterung der empirischen Basis um einen zusätzlichen Datentypus (so Kügler et al. 2009: 9).

Wir schlagen deshalb vor, von dieser ersten vorläufigen Bestandsaufnahme ausgehend, die Verflechtung von Prosodie und konzeptioneller Variation (Koch & Oesterreicher 2011) weiter zu verfolgen und zu fragen, inwieweit die prosodische Forschung die Variation der Kommunikationsbedingungen, der Planungsgrade, der Aktivitätstypen (Levinson 1979) und der Textsorten/Diskurstraditionen systema­tisch in ihre empirische Forschung und ihre Theoriebildung einbetten muss.

Wichtige Forschungsfragen wären unseres Erachtens:

·       Welche Herausforderungen stellen sprechsprachliche Korpusdaten an die proso­dische Theoriebildung? Wie kann eine datengetriebene Prosodiemodellie­rung auf der Grundlage derartiger Korpora aussehen?

·       In welchem Verhältnis stehen Labordaten und Korpora? Sind experimentelle Designs und deskriptiv orientierte Auswertungen von sprechsprachlichen Gesprächskorpora komplementär einsetzbar?

·       Inwieweit lassen sich sprechsprachliche Korpusdaten mit dem Modell einer Prosodie-Syntax-Schnittstelle vermitteln?

·       Wie muss die Prosodieforschung auf die teilweise erhobene Forderung nach einer spezifischen Syntax der gesprochenen Sprache reagieren? Kann man den Gedanken der syntaktischen Projektion (Antizipation) bzw. des syntaktischen Inkrements (Retrospektion) für die prosodische Analyse nutzbar machen (Auer 2009; Auer 2010)?

·       Wie ist vor dem Hintergrund der Multimodalität sprechsprachlicher Interaktion die weitverbreitete Beschränkung prosodischer Forschung auf die Intonation im engeren Sinne (F0) zu beurteilen? Ist diese analytische Ausgrenzung der Intonation im In­­­­ter­esse einer Formalisierung der Beschreibungssprache notwendig (Frota & Prieto 2015)?

·       Wie lassen sich die Funktionsbereiche prosodischer Gestaltung in der Interaktion (Phrasierung und Kohärenzsicherung, Prominenzbildung, Gesprächssteuerung in unterschiedlichen „activity types“ etc.) miteinander vermitteln?

·       Gibt es prosodische ‚Normalformen‘ und wie können diese ermittelt werden? Oder weist die hohe Variabilität sowohl zwischen den Sprechern als auch zwischen den Sprechsituationen auf einen prinzipiell anderen Formalisierungs­grad prosodischer Strukturen hin?

Wir sind offen für Beiträge aus den unterschiedlichsten theoretischen Richtungen; willkommen sind Beiträge zu allen romanischen Sprachen, sowohl mit empirischem als auch theoretischem Schwerpunkt.

 

Bibliographie

Auer, Peter (2009): On-line syntax. Thoughts on the temporality of spoken language, in: Language Scien­ces 31(1), 1–13.

Auer, Peter (2010): Projektionen und ihr Nutzen – oder: Warum die gesprochene Syntax oft minimali­stisch ist, in: Dittmar, Norbert & Bahlo, Nils (eds.): Beschreibungen für gesprochenes Deutsch auf dem Prüfstand: Analysen und Perspektiven, Frankfurt am Main: Lang, 41–62,

Bergmann, Pia (2009): Regional variation in intonation: Conversational instances to the ‚hat pattern‘ in Cologne German, in: Kügler, Frank; Féry, Caroline;  van de Vijver, Ruben (eds.): Variation and Gradience in Phonetics and Phonology, Berlin: Mouton de Gruyter, 377–404

Frota, Sónia; Prieto, Pilar (eds.) (2015): Intonational Variation in Romance, Oxford: Oxford University Press.

Koch, Peter; Oesterreicher, Wulf (2011): Gesprochene Sprache in der Romania. Französisch, Spanisch, Italienisch (Romanistische Arbeitshefte), 2. Auflage, Berlin: De Gruyter.

Kügler, Frank; Féry, Caroline; van de Vijver, Ruben (eds.) (2009): Variation and Gra­dience in Phonetics and Phonology, Berlin: Mouton de Gruyter.

Levinson, Stephen C. (1979): Activity types and language, in: Linguistics 17, 365–399.

Morel, Mary-Annick; Danon-Boileau, Laurent (1998): Grammaire de l’intonation, Gap: Ophrys.

Moroni, Manuela Catarina (2016): Funktionen des steigend-fallenden Intonations­verlaufs in Bergamo, in: Selig, Maria & Morlicchio, Elda & Dittmar, Norbert (eds.), Gesprächsanalyse zwischen Syntax und Pragmatik. Deutsche und italienische Konstruktionen, 285–300. Tübingen: Stauffenburg.

Schaefer, Steven (2013): Beyond the given: An enunciative approach to the prosody of thematicity in English, in: Hancil, Sylvie; Hirst, Daniel (eds.): Prosody and Iconicity, Amsterdam: Benjamins, 89–107.