Sektion 12

Sektion 12: Extraromanische Strukturen

Miguel Gutiérrez Maté (Erlangen-Nürnberg), Uli Reich (FU Berlin), Melanie Uth (Köln), Maria del Mar Vanrell Bosch (FU Berlin)

Kontakt: uli.reich@fu-berlin.de

Die Sektion zielt auf die Beschreibung und Erklärung syntaktischer und phonolo­gischer Strukturen, die in mehrsprachigen Gesellschaften zu beobachten sind, in denen romanische Sprachen zusammen mit typologisch und genetisch entfernten Sprachen gesprochen werden. Unsere Kernfrage ist dabei wahrscheinlich so alt wie die Kontaktlinguistik bzw. die Mehrsprachigkeits­forschung selbst:

Lassen sich einzelsprachliche oder typologische Beschränkungen für die Inter­aktion grammatischer Teilsysteme in mehrsprachigen Äußerungen formulieren?

Diese Frage soll in unserer Sektion durch den Vergleich ausgewählter Phänomen­bereiche, durch empirisch besser kontrollierte Fakten und durch stärkere formale Präzision neu beantwortet werden. Die drei Domänen, die wir hierfür ausgewählt haben, sind bezüglich der Partikularität ihrer Ausdrucksformen einerseits und ihrer semantischen und pragmatischen Leistungen andererseits ganz unterschiedlich gelagert. Gerade der Vergleich unterschiedlicher grammatischer Domänen erscheint uns für die Theoriebildung besonders aufschlussreich.

1. Morphologie, Syntax und Intonation der Informationsstruktur, dabei neben Fokus und Hintergrund auch Evidentialität und Mirativität

In den romanischen Sprachen wird die Intonation sehr stark von der Fokus-Hintergrund-Gliederung geregelt, wobei sowohl Akzenttöne wie auch Grenztöne eine Rolle spielen. Andere wichtige Bedeutungsdimensionen intonatorischer Formen, die der Informationsstruktur im weiten Sinne zugeordnet werden können, betreffen die Erwartbarkeit von Propositionen, wie sie in der morphologischen Typologie als Mirativität (De Lancey 2001) besprochen werden. Evidentialität (Aikhenvald 2011) scheint zwar in der Intonation keine Rolle zu spielen, bildet aber pragmatische Schnittmengen mit Assertions- oder Verum-Fokus, die als Sicherheit des Sprechers interpretiert werden können (Vanrell et al. 2013). In vielen afrikanischen und amerikanischen Sprachen steht für informationsstrukturelle Bedeutungen aber auch segmental kodierte Morphologie zur Verfügung. Wie interagieren diese Ausdrucksoptionen in mehrsprachigen Kontexten? Wie sieht die Intonation in Kontexten aus, in denen romanische Sprachen neben Tonsprachen gesprochen werden? Lassen sich lexikalische oder grammatische Töne mit Intonation kombinieren?

2. Metrische Phonologie

Die Lage von Wort- und Nebenakzenten, ihre phonetische Implementation und ihre rhythmische Gestalt gehören zu den sprachlichen Phänomenen, die schon intuitiv mit Mehrsprachigkeit in Verbindung gebracht werden und auch von der historischen Sprachwissenschaft immer wieder als entscheidend für den Sprachwandel ins Spiel gebracht wurden (Lahiri 2015), die aber dennoch bisher relativ wenig Aufmerksamkeit von der kontaktlinguistischen Theoriebildung erhalten haben. Wie interagieren metrische Algorithmen, die weder semantisch noch pragmatisch eine Rolle spielen? Wie stabil sind andererseits lexikalisch und morphologisch distinktive Akzente in mehrsprachigen Gesellschaften?

3. Syntax der DP/NP, inklusive Possessivkonstruktionen

Die Syntax von Nominalphrasen und ihrer Determinierer, Komplemente und Adjunkte bildet besonders fein ausdifferenzierte formale Muster, in denen sich die Sprachen der Welt sehr stark unterscheiden. Das betrifft schon die Inventare der inhärenten oder diskursabhängigen Kategorien. Dabei zeigen sich interessante Areale, wie zum Beispiel im Bereich grammatischer Genus-Systeme: Die komplexesten Systeme finden sich in Afrika, europäische Sprachen nehmen eine mittlere Position ein, wohingegen viele amerikanische und asiatische Sprachen auf Genus zu verzichten scheinen (Corbett 2013). Die diskursabhängigen Kategorien Definitheit, Generizität und Spezifizität zeigen explizite Morphologie, erscheinen als Epiphänomene anderer Kategorien oder spielen in einigen Sprachen gar keine Rolle. Die Syntax von Determinierern, Quantifizierern und Possessivbegleitern, die möglicherweise in allen Sprachen ausgedrückt werden, zeigt höchst subtile und komplex korrelierte Unterschiede. Wie interagieren unterschiedliche Grammatiken in mehr­sprachigen Kontexten in dieser Domäne? Lassen sich typologische/ parametrische Beschränkungen erkennen?

Wir begrüßen ausdrücklich Arbeiten zu mehrsprachigen Szenarien, an denen romanische Sprachen und die großen Sprachen bzw. Sprachfamilien Amerikas (Algonkin, Nahuatl, Maya, Chibcha, Quechua, Guaraní), Afrikas (v.a. westafrika­nische und Bantu-Sprachen) und Asiens (Vietnamesisch, Chinesisch) beteiligt sind, aber auch Arbeiten zu Mehrsprachigkeitsszenarien, in denen die romanischen Sprachen zusammen mit dem Baskischen, oder zusammen mit slawischen oder germanischen Sprachen gesprochen werden, sind willkommen.

 

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