Sektion 11

Sektion 11: Klitika in Sprachwandel und Sprachkontakt oder die Anfälligkeit von Schnittstellen

Susann Fischer (Hamburg), Judith Meinschaefer (FU Berlin)

Kontakt: judith.meinschaefer@fu-berlin.de

In vielen linguistischen Theorien wird davon ausgegangen, dass Sprachwandel durch Spracherwerb ausgelöst wird. Dabei spielen sowohl der Erst- als auch der Zweitspracherwerb eine Rolle. Im Spracherwerb ebenso wie in Situationen des Sprachkontakts (die oft durch Bilingualismus und unvollständigen Zweitsprach­erwerb gekennzeichnet sind) scheinen externe Schnittstellen der Grammatik (d.h. zwischen Syntax und Informationsstruktur/Pragmatik einerseits und zwischen Syntax und Phonetik/Prosodie andererseits) anfälliger für Veränderungen zu sein als grammatikinterne Schnittstellen (d.h. zwischen Syntax und Morphologie, Syntax und Phonologie sowie Syntax und Semantik; cf. White 2011, Rothman & Slabokova 2011). Die sogenannten „Klitika“, die in allen romanischen Sprachen und Varietäten in unterschiedlicher Zahl als klitische Pronomen, Artikel, Negationselemente oder Präpositionen zu finden sind, bieten ein exzellentes Experimentierfeld, um Prozesse des (kontaktinduzierten) Sprach­wandels und damit die Anfälligkeit von Schnitt­stellen zu beleuchten. Es sind die besonderen lautlichen, syntaktischen, semantischen und informationsstrukturellen Eigenschaften, welche Klitika unter linguistischer Perspektive so interessant machen. Klitika sind Elemente, die auf der Grammatikalisierungsskala zwischen autonomen Wörtern und Affixen angesiedelt sind und für deren Beschreibung deshalb stets mehrere Ebenen der Grammatik relevant sind (Zwicky 1977); daher werden sie schon seit langem als Schnittstellen­phänomene betrachtet. Aufgrund der Tatsache, dass sich die Eigenschaften von Klitika aus der Interaktion der verschiedenen grammatischen Bereiche ergeben, und aufgrund ihres lautlichen und grammatischen „Eigenlebens“, das oft unabhängig von den grammatischen Eigenschaften freier Formen derselben Varietät ist, gelten sie als besonders instabile Domäne der Grammatik (Léglise 2013), in der sich in Situationen des Sprachwandels und des Sprachkontaktes Phänomene des Wandels, z.B. von Reduktion, Dopplung und Ersetzung, besonders deutlich zeigen.

Bei genauer Betrachtung fällt jedoch auf, dass das Bild weitaus komplexer ist. Einerseits sehen wir einen rasanten Wandel in phonetischer, prosodischer, pragma­tischer und informationsstruktureller Hinsicht, andererseits sehen wir bei den syntaktischen, morphologischen und semantischen Eigenschaften über Jahrhunder­te hinweg kaum Veränderung. In phonetischer und prosodischer Hinsicht sind Klitika besonders anfällig für Veränderungen, die durch Prinzipien der Sprachökonomie bedingt sind, wobei Prozesse der lautlichen Reduktion und/oder der Tilgung in den Varietäten meist viel produktiver als in den Standardvarietäten sind. So ist z.B. die Elision der Endvokale von Pronomina und Präpositionen im toskanischen Italienisch weitaus produktiver als in anderen (standard­)italienischen Varietäten (Garrapa & Meinschaefer 2011)Zugleich gelten klitische Gruppen aber auch als „Rückzugs-Orte“, in denen unproduktiv gewordene phonologische Regeln noch lange überleben können (wie z.B. die französische Liaison, Meinschaefer, Bonifer & Frisch 2015, oder das italienische Troncamento, Meinschaefer 2006), bevor sie ganz aus der Sprache verschwinden. In syntaktischer Hinsicht sticht zunächst die besondere Positio­nierung von Klitika im Satz hervor, die oft von der Position freier Formen abweicht, sowie die Tatsache, dass Folgen von Klitika besonderen und sehr strikten Anordnungsprinzipien (Clitic Cluster/Person Case Constraint) unterliegen, die sich über viele Jahrhunderte – selbst bei jahrhunderte­langem Sprachkontakt (z.B. im Judenspanischen Bulgariens, vgl. Fischer, Gabriel & Kireva 2014) – wenig verändern. Das gleiche gilt für die Klitikanhebung (Clitic Climbing). Seit Jahrhun­der­ten erlauben das Spanische, Katalanische, Italienische und auch das Judenspanische in Verbfolgen die Positionierung der Klitika sowohl vor dem finiten wie auch nach dem infiniten Verb: Quiero dartelo vs. Te lo quiero dar. Synchron scheint diese Konstruktion weder semantische noch informationsstruktu­relle oder pragmatische Unterschiede aufzuweisen. Diachron sind beide Abfolgen seit vielen Jahrhunderten (seit ~1500 Jh., vgl. Fischer 2000) möglich. Die klitische Verdopplung (Le doy el libro a él/a Mario, El vam veure a ell) hingegen, die vor allem pragmatischen und informationsstrukturellen Prinzipien unterliegt, weist nicht nur innerhalb der spanischen und der katalanischen (Standard­)Varietäten große Unterschiede auf, sondern ist auch diachron von beständigem Wandel gezeichnet. Vor allem bei intensivem und langanhaltendem Sprachkontakt hat sich die klitische Dopplung stark verändert. So erlauben das Spanische in Buenos Aires und das Spanische Limas, wo Spanisch u.a. im Kontakt mit indigenen Sprachen steht, die klitische Dopplung sogar mit indefiniten spezifischen Akkusativ-Objekten: Lo saludé a un estudiante que conozco (vgl. Zdrojewski & Sánchez 2014:166). Es scheint also tatsächlich eine Diskrepanz zwischen den externen und internen Schnittstellen bzw. zwischen den einzelnen grammatischen Bereichen festzustellen zu sein.

Die vorgeschlagene Sektion verfolgt zwei Ziele: Zum einen soll ein Inventar von lautlichen und grammatischen Besonderheiten romanischer Klitiksysteme erstellt werden, zum anderen soll überprüft werden, ob Klitika hinsichtlich der externen Schnittstellen (Prosodie und Informationsstruktur) tatsächlich anfälliger für Wandel sind als hinsichtlich der kerngrammatischen Bereiche, d.h. der internen Schnitt­stellen (Syntax, Morphologie und Semantik). Besonders interessant ist hier auch die Frage, welche Rolle der Sprachkontakt dabei spielt. Sind auch im kontaktinduzierten Wandel die externen Schnittstellen anfälliger als die internen Schnittstellen, oder hat nicht vielleicht vor allem die Dauer und Intensität des Sprachkontakts und die Typologie der involvierten Sprachen einen direkten Einfluss auf die Anfälligkeit aller grammatischen Bereiche, wie manche Wissenschaftler behaupten (Thomason & Kaufman 1987, Heine & Kuteva). Willkommen sind Arbeiten zu Wandel und Variation von Klitika in allen romanischen (Kreol-)Sprachen und Varietäten, vor allem unter der Perspektive des Sprachkontakts, der Mehrsprachigkeit, des Zweitspracherwerbs und der Herkunftssprecher.

 

Bibliographie

Fischer, S. (2002): The Catalan clitic system: a diachronic perspective on its syntax and phonology, Berlin/New York: Mouton de Gruyter.

Fischer, S.; Gabriel, C.; Kireva, E. (2014): Towards a typological classification of Judeo-Espanyol, in: Linguistic stability and divergence: An extended perspec­tive on language contact, K. Braunmüller et.al. (eds.). pp. 78-108. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company.

Garrapa, L.; Meinschaefer, J. (2011): Morphology and phonology of word-final vowel deletion in spoken Tuscan Italian, in: Karlos Arregi et al. (eds.): Romance Linguistics 2008. Interactions in Romance, 58–72, Amsterdam: Benjamins.

Heine, B.; Kuteva, T. (2003): On contact-induced grammaticalisation, in: Studies in Language 27:3, 529-572.

Léglise, I. (2013): The interplay of inherent tendencies and language contact on French object clitics, in: Léglise, I.; Chamoreau, C. (eds.).: The Interplay of Variation and Change in Contact Settings, Amsterdam: Benjamins, 137-163.

Meinschaefer, J. 2006: Troncamento and the phonological phrase in Florentine Italian, in: Italian Journal of Linguistics 18(2), 295–324.

Meinschaefer, J. et al. (2015): Variable and invariable liaison in a corpus of spoken French, in: Journal of French Language Studies 25, 367–396.

Rothman, J.; Slabakova, R. (2011): The mind-context divide: on acquisition at the linguistic interfaces, in: Lingua 121, 568-576.

Thomason, S.; Kaufman, T. (1988): Language Contact, Creolization, and Genetic Linguistics, University of California Press, Los Angeles.

White, L. (2011): Second language acquisition at the interfaces, in: Lingua 121, 570-590.

Zdrojewski, P; Sánchez, L. (2014): Variation in accusative clitic doubling across three Spanish dialects, in: Lingua 151, 162-176.

Zwicky, Arnold (1977): On clitics, in: W.U. Dressler; Pfeiffer, O. E. (eds.): Phonologica, 29-39. (Akten der dritten internationalen Phonologie-Tagung, Wien, 1.-4. Sept. 1976), Innsbruck.