Sektion 6

Sektion 6: Transkulturationen des Pikaresken in den romanischsprachigen Literaturen Afrikas und Lateinamerikas

Susanne Goumegou (Tübingen), Sebastian Thies (Tübingen)

Kontakt: susanne.goumegou@uni-tuebingen.de,
sebastian.thies@uni-tuebingen.de

Für die anhaltende Konjunktur pikaresker Erzählformen in den Literaturen des Globalen Südens im 20. und 21. Jahrhundert gibt es eine Vielzahl von Gründen. Pikareskes Erzählen ermöglicht die Konstruktion einer subalternen Sicht auf gesellschaftliche Ränder und Krisenphänomene. Es lenkt den Fokus auf die sozialen und ökonomischen Dynamiken von Urbanisierung, Modernisierung und Globali­sierung. In der ästhetischen Gestaltung entsprechen die Unzuverlässigkeit des pikaresken Erzählers und die Destabilisierung der Erzähler-/Leserrelationen den prekären Subjektkonstitutionen einer fragmentierten Moderne. Eine besondere Attraktivität für die von den Folgen der Kolonialisierung geprägten Gesellschaften des Globalen Südens und ihrer Diaspora liegt zudem in dem dezentrierenden Blick auf europäische Literatur- und Kulturtraditionen, die gegen den Strich gebürstet werden. Zugleich eröffnet sich das Potenzial zu deren Verflechtung mit lokalen und autochthonen Mythen. Pikareskes Erzählen erlaubt so eine komplexe Positio­nierung zwischen regionalen und globalen Dimensionen des literarischen Felds.

Die Sektion will Form und Funktion pikaresken Erzählens in der literarischen (Post)Moderne Lateinamerikas und des romanischsprachigen Afrika analysieren, wobei in der Zusammenschau sowohl kulturspezifische wie auch kulturübergreifen­de Aspekte herausgearbeitet werden sollen. In Abkehr von einem an der Gattungsgeschichte der Nationalliteraturen orientierten Ansatz wird das Pikareske in Anschluss an Ehland/Fajen (2007, 12) als Inventar diskursiver, narrativer, stilistischer und perspektivischer Deutungs- und Darstellungsmuster verstanden, das in unserem Kontext in das Paradigma der Transkulturation anschließt. Berücksichtigung finden sollen entsprechend neben eng an der Gattungstradition angelegten Romanen (wie etwa bei José Ruben Romero, Eduardo Gudiño Kieffer, Amadou Hampâté Bâ) auch pikareske Erzählformen im Stadtroman (etwa Roberto Arlt, Manuel Rojas, Alain Mabanckou), im historischen Roman (u.a. Jorge Ibergüengoitia, Carmen Boullosa, Carlos Fuentes, Ahmadou Kourouma, Félix Couchoro), in der Kriminalliteratur (Paco Ignacio Taibo II) sowie im testimonialen Erzählen und in Chroniken (Luis Zapata, Pedro Lemebel, Tierno Monénembo). Für das frankophone Afrika sei verwiesen auf Vorarbeiten von Bodo (2005 und 2015); für Lateinamerika, wo es trotz einer auf das 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition pikaresken Erzählens nur wenige Überblicksdarstellungen gibt, auf Casas de Faunce (1977) und Correa Forero (1977). Als Vergleichskontext können ferner Studien zur postkolonialen Pikareske in den anglophonen Literaturen Afrikas und Amerikas, z.B. Elze (2011 und 2014) sowie Göbel (2014) fruchtbar gemacht werden.

Im Einzelnen werden für die Sektionsarbeit folgende Themenkomplexe vorge­schlagen:

·       Überwindung der subalternen Sprachlosigkeit in der Figur des Pícaro, Spielarten pikaresker Erzählstimme und Autorschaft in den Literaturen des globalen Südens.

·       Prekäre Subjektkonstitution an den Rändern der Gesellschaft: der Pícaro als nomadisches Subjekt, Trickster und Formwandler.

·       Transkulturation autochthoner Traditionen: Übernahme von Figuren und Gestaltungsmustern oraler Erzähltraditionen der jeweiligen Kulturen.

·       Funktionen pikaresken Erzählens im Kontext von Urbanisierung und Moderni­sierung afrikanischer und lateinamerikanischer Kulturen: das Scheitern von Aufstiegsnarrativen, das sozialkritische Entlarven sozialer und ökonomischer Dysfunktionen, die Auseinandersetzung mit Schein und Sein identitärer Entwürfe.

·       Die pikareske Reise als eine Grundform nomadischen Erzählens unter den Bedingungen von nationaler und transnationaler Migration.

·       Karnevaleske Traditionen im pikaresken Erzählen: groteske Körperlichkeit des Pícaro, Dekonstruktionen der Geschlechtsidentität.

 

Bibliographie

Bauer, Matthias (1994): Der Schelmenroman, Stuttgart: Metzler.

Bodo, Bidy Cyprien (2005): Le picaresque dans le roman africain subsaharien d’expression française, Limoges: Université de Limoges.

Bodo, Bidy Cyprien (Hg.) (2015): La question du picaresque dans la littérature africaine: theories et pratiquesNodus sciendi 13.

Casas de Faunce, María (1977): La novela picaresca latinoamericana, Madrid: Cupsa Editorial.

Correa Forero, Gustavo (1977): “El héroe de la picaresca y su influencia en la novela moderna española e hispanoamericana”, in: Thesaurus: boletín del Instituto Caro y Cuervo, 32 (1). S. 75-94.

Ehland, Christoph; Fajen, Robert (Hrsg.) (2007): Das Paradigma des Pikaresken. The paradigm of the picaresqueHeidelberg: Winter.

Elze, Jens (2014): Postkoloniale Pikareske”, in: Zeitschrift für Literaturwissen­schaft und Linguistik 44, S. 130–148.

Elze-Volland, Jens Frederic (2011): “Precarity and Picaresque in Contemporary Nigerian Prose: An Exemplary Reading of Ben Okri’s The Famished Road”, in: Jennifer Wawrzinek und J. K. S. Makokha (Hg.): Negotiating Afropolitanism. Essays on borders and spaces in contemporary African literature and folkloreAmsterdam, New York, N.Y: Rodopi.

Göbel, Walter (2014): “African American Picaresque: Some Examples”, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 44, S. 273–288.

Guillén, Claudio (1971): Toward a Definition of the Picaresque, in: Claudio Guillén: Literature as System. Essays toward the Theory of Literary history. Princeton, N.J., S. 71–106.

Maravall, José Antonio (1986): La literatura picaresca desde la historia social, Madrid: Taurus.

Rico, Francisco (1970): La novela picaresca y el punto de vista, Barcelona: Seix Barral.