Sektion 3

Sektion 3: Migration und Avantgarde. Paris 1917-1962

Stephanie Bung (Duisburg-Essen), Susanne Zepp (Berlin)

Kontakt: stephanie.bung@uni-due.de, susanne.zepp@fu-berlin.de

Die Sektion folgt der Überzeugung Vilém Flussers, dass Migrationserfahrung und kulturelle Innovation engzuführen sind und fokussiert in diesem Zusammenhang die literarische Geschichte der Stadt Paris in den Jahren von der Oktoberrevolution bis zum Ende des Algerienkriegs. Der gewählte zeitliche Fokus soll die lange Zuwanderungsgeschichte Frankreichs, die bereits im 19. Jahrhundert begann, nicht ausschließen, sondern zu einer Pointierung der Sektionsarbeit beitragen: Mithin wurde Frankreich in der Zwischenkriegszeit das zweitwichtigste Einwan­derungsland der Welt nach den Vereinigten Staaten. Autorinnen und Autoren gelangten aus dem östlichen Europa, nach der Machtergreifung der Faschisten aus Italien, nach 1933 aus Deutschland, nach dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Sieg der Nationalisten Francos sowie nach der Etablierung des Estado Novo in Portugal auch von der westlichen Iberischen Halbinsel in die französische Metropole. Der Congrès international des écrivains pour la défense de la culture im Juni 1935 machte Paris zum Zentrum des geistigen Widerstands engagierter Schriftsteller_Innen. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Wirtschaftsaufschwungs der 1950er und 1960er Jahre migrierten Schrift­steller_Innen und Künstler_Innen nach Frankreich, von den Antillen, Schwarz­afrika, und schließlich, im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Algeriens 1962, französische Siedler (pieds-noirs) ebenso wieHarkis. 1945 gründete Isidore Isou (als Jean-Isidore Isou Goldstein 1925 in Rumänien geboren) die Avantgarde-Bewegung des Lettrismus, die in Weiterführung dadaistischer und surrealistischer Ästhetik eine neue Kunst nach dem Ende des 2. Weltkriegs anstrebte. Auch die politisch widersprüchliche, 1957 entstandene Situationistische Internationale vereinte Künstler_Innen aus einer Vielzahl von Ländern. Jacques Derrida und Hélène Cixous verbanden in ihrem philosophischen und schriftstellerischen Oeuvre Fragen algerischer Geschichtserfahrung und Theorie. Algirdas Julien Greimas kam 1944 aus Litauen, 1963 Tzvetan Todorov und 1965 Julia Kristeva aus Bulgarien nach Paris. Die drei wurden zu einflussreichen Literaturtheoretiker_Innen Frankreichs. Die Sektion will die Bedeutung jener Autorinnen und Autoren in Paris würdigen, deren Erfahrung von Migration sie zu „Vorposten der Zukunft“ (Flusser), zu Akteuren der literarischen wie literaturtheoretischen Avantgarden werden ließ.

Dies gilt für prominente Schwellenfiguren wie Apollinaire, den französischen Dichter italienisch-polnischer Herkunft, dies gilt aber auch für Bewegungen wie Dada, die in Zürich mit Tristan Tzara (geboren in Rumänien) ihren Anfang nahm und in Paris literarisch weitergeführt wurde, wie auch für den Surrealismus: Elsa Triolet war als russisch-französische Schriftstellerin beteiligt, Aimé Césaire reflektierte surrealistische Kunst und karibische Existenzerfahrung, und Dichter_Innen und Künstler_Innen aus Lateinamerika, wie etwa der kubanische Schriftsteller und Musikwissenschaftler Alejo Carpentier oder der spätere guatemaltekische Literaturnobelpreisträger Miguel Ángel Asturias, nahmen in Paris wichtige Impulse für ihr Werk auf. Die genannten Migrationen – Césaire, Carpentier und Asturias sind dafür besonders deutliche Beispiele – weisen jedoch nicht nur in eine Richtung. So sollen in der Sektionsarbeit auch diejenigen Bewegungen in den Blick genommen werden, die in Paris zwar ihren Ausgang nehmen, ihr kreatives Potential jedoch andernorts entfalten. Zu denken wäre insbesondere an die sogenannte ‚internationale Phase‘ des Surrealismus in den vierziger Jahren oder an Mexiko-Stadt als relationalem hot spot (Édouard Glissant), wo Exil-Avantgarden auf lateinamerikanische Gruppen und individuelle Künstler_Innen treffen.

 

Vor diesem Hintergrund können verschiedene übergreifende Leitfragen für die Sektionsarbeit formuliert werden:

·       Avantgardistische Kunst zeichnet sich durch ein hohes Maß an Autoreflexivität aus, was im Hinblick auf textuell vermittelte Werke, die im Spannungsfeld von Migration und Zugehörigkeit entstehen, eine in der künstlerischen Sprache ausgetragene Spannung eröffnen kann: Was soll im Vordergrund des Sprachkunstwerks stehen, die Selbst- oder die Fremdbezüglichkeit? Gerät mit der Verständigungsproblematik nicht automatisch die kommunikative Dimension der Sprache wieder in den Vordergrund? Oder leistet die Begegnung verschiedener Sprachen nicht im Gegenteil avantgardistischer Selbstreferenz bzw. einer Wahrnehmung dessen Vorschub, was sich mit Derrida als eine Form des monolinguisme de l’autre bezeichnen ließe?

·       Wie verhält es sich überhaupt mit dem ‚Werkcharakter‘ von Kunst angesichts der hier postulierten Bedeutung von Migration für die Entstehung von Avantgarden? Wodurch wird die Entwicklung, die sich mit Umberto Eco als eine zunehmende Offenheit des Kunstwerks beschreiben ließe, angetrieben? Handelt es sich in erster Linie um avantgardistische oder um migrantische Impulse?

·       Der Zugriff der Sektion ist komparatistisch und bezieht sich auf das gesamte Spektrum romanischer Kulturen. Darüber hinaus sollen ausgewählte Vorträge zur deutschsprachigen Emigration und zu Autorinnen und Autoren aus dem östlichen Europa in die Diskussion einbezogen werden. Der Gegenstand bestimmt also den methodischen Zugriff. Ist nicht umgekehrt aber auch anzunehmen, dass die spezifischen Inhalte dieser Sektion auf die methodolo­gische Reflexion zurückwirken? Welche analytischen Instrumente stehen uns zur Verfügung, und an welchen Stellen lassen sie sich angesichts der in dieser Sektion zu diskutierenden Forschungsvorhaben noch nuancieren oder gar modifizieren?

·       Inwiefern stellt die migrantische Erfahrung der radikalen Skepsis gegenüber universellen Werten, die charakteristisch für eine Reihe von Denker_innen und Schriftsteller_innen des 20. Jahrhunderts wurde, eine dezidierte Ethik der Humanität gegenüber?

·       In dieser Sektion geht es nicht zuletzt darum, Forschungsrichtungen zu kreuzen, die für gewöhnlich eher parallel verlaufen und kaum aufeinander bezogen werden. Nicht nur unter literarhistorischen, sondern auch unter literaturtheoretischen Gesichtspunkten sollen so neue und ungewöhnliche Perspektiven erzeugt sowie idealerweise verborgene Zusammenhänge und Bruchlinien produktiv gemacht werden. Den Rahmen bilden die hier im Zentrum stehenden Paradigmen der Avantgarde- und Migrationsforschung. Innerhalb dieses Rahmens ließen sich jedoch auch die bislang kaum korrespondierenden Felder der postcolonial studies und der Lyriktheorie miteinander korrelieren. Eine weitere Konstellation, um die man aufgrund diverser, auf das 19. Jahrhundert zurückgehender Biographismen einen Bogen zu machen pflegt, ist diejenige von historischer Erfahrung und Literaturtheorie. Welche weiteren Konstellationen wären denkbar, durch die sich literaturwissenschaftliches Denken zum Nachvollzug neuer Figuren anregen ließe?

Bibliographie

Cixous, Hélène: Mon Algériance, in: Les Inrockuptibles 115 (1997), 71-74.

Deleuze, Gilles; Felix Guattari: Traité de nomadologie. La machine de guerre, in: dies., Mille Plateaux II, Paris 1980, 434–527.

Derrida, Jacques: Le Monolinguisme de l’autre, Paris 1996.

ders.: Moi, l’Algérien, in: Le Nouvel Observateur 2192, ohne Pag.

Flusser, Vilém: Von der Freiheit des Migranten, Berlin 2000.

ders.: Nomaden, in: Horst Gerhard et al. (Hg.): Eine Nomadologie der Neunziger 1, Graz 1990, 13–38.

Glissant, Édouard: Poétique I-IV, Paris 1965-1997.

ders.: Philosophie de la relation. Poésie en étendue, Paris 2009.

Kristeva, Julia: Étrangers à nous-même, Paris 1988.

Meschonnic, Henri: Pour la poétique I-III, Paris 1970-1973.

ders.: Célébration de la poésie, Paris 2006.

Paz, Octavio: El laberinto de la soledadPostdataVuelta al laberinto de la  soledad, México 1996.

ders.: El arco y la lira, México, D.F. 1956. 

ders.: Los hijos del limo, México, D.F. 1974.

Todorov, Tzvetan: Nous et les autres. La refléxion française sur la diversité humaine, Paris 1989.

Todorov, Tzvetan: La vie commune. Essai d’anthropologie générale, Paris 1995.