Sektion 2

Sektion 2: Unerhörte Stimmen aus der Afro-Romania. Genderdiskurse im Kontext von Selbst- und Fremdwahrnehmung „nach“ der Migration

Julia Borst (Bremen), Stephanie Neu-Wendel (Mannheim), Juliane Tauchnitz (Leipzig), Maria Zannini (Mannheim)

Kontakt: borst@uni-bremen.de, neu@phil.uni-mannheim.de,
jtauch@rz.uni-leipzig.de, maria.zannini@hotmail.de

In der Auseinandersetzung mit migratorischen Situationen im 20. und 21. Jahrhundert – wie jenen der Flüchtenden im Mittelmeerraum oder jüngst auf der sogenannten Balkanroute – kon­­zen­trieren sich (sozio)politische Interessen wie auch Forschungs­an­sätze z. B. im Rah­men von Diaspora- oder Mobilitätstheorien verstärkt auf den prozessualen Charakter der­artiger Be­we­gungs­ströme selbst. Demgegenüber richtet die Sektion das Augenmerk jedoch auf das Danach: auf hochproblematische Komplexe wie das „Ankommen“ oder „Ange­kommen­sein“ – Begriffe, die deutlich eine Illusion von Abschluss und Neubeginn etablieren – und damit untrennbar ver­bun­den auf die Bedeu­tung jenes emotionalen Oszillierens zwischen dem ‚Sich-zu-Hause‘-, dem ‚Sich-fremd‘-Fühlen sowie dem Zerrissen­sein, das mit der­artigen Hybriditätspositionen einhergeht und das gerade die Unabgeschlossenheit jener Prozesse markiert.

Dabei wird auf marginalisierte Subjekt-Posi­tionen fokussiert: Es sollen dezidiert weibliche Stimmen aus der „Afro-Romania“ zu Wort kommen, also jene kulturellen Akteurinnen afrikanischer Provenienz, die diasporische Erfahrungen in der Ro­ma­nia sowie das Bezugssystem „Afro-Romania“ in ihren Werken reflektieren. Diesen ist die Er­fah­rung der Migration bereits ein­geschrieben: In ihnen spiegeln sich – auf semantischer aber auch auf linguistischer Ebene – Kontakt, Konfrontation und teils neo-koloniale Friktionen mit „euro-ro­ma­ni­schen“ Kulturen. Die Bezeichnung „unerhörte“ Stim­men bezieht sich entsprechend auf die nach wie vor relativ geringe Rezeption trans­kul­tureller Autorinnen und Künst­lerinnen in der Wissenschaft, aber auch im Verlags­wesen und durch ein breiteres Publikum. In einer weiteren Dimension zielt „unerhört“ auf das „Störpotential“ jener Werke ab, in denen zu Klischees geronnene Vor­stellungen – von Gender, „race“, aber auch von Identität, Alterität und Zusammenleben etc. – entlarvt bzw. unterminiert werden. Auf diese Wei­se werden Erfahrungen der „weiblichen Anderen“ sowie Mechanismen intersektionaler Mar­gi­na­li­sie­rung – und nicht zuletzt die Auto­rinnen und Künstlerinnen selbst – sichtbar.

Gerade das Verhältnis zwischen „Afro-“ und „Euro-Romania“ wird in Texten von diesen Auto­rinnen unterschiedlicher Generationen reflektiert, so dass eine intensive Aus­einan­der­setzung mit „afro-romanischen“ Identitätskonstruktionen bzw. Sichtweisen auf Europa un­ge­wohnte Ein­blicke in die stark divergierenden europäischen Gesellschaften und Kul­turen ermöglicht. Eben­so wie „Afro-Romania“ als fluides und heterogenes Feld zu verstehen ist – gerade auch an­ge­sichts der Migration einiger Autorinnen und Künstlerinnen innerhalb Europas –, wird auch „Euro-Romania“ in diesem Kontext nicht hegemonial, sondern heteroklit gedacht; die unter­schied­lichen Felder berühren und überlagern sich auf vielfältige Weise, wie im Rahmen der Sektionsvorträge gezeigt werden soll. Vor allem der Umgang mit der „weiblichen Anderen“, der von „afro-romanischen“ Theo­re­ti­kerinnen, Schrift­stellerinnen, Bloggerinnen und Künstlerinnen wie Léonora Miano, Fatou Diome, Eva Doumbia, Remei Sipi Mayo, Guillermina Mekuy Lucía Asué Mbomio Rubio, Najat El-Hachmi, Geneviève Makaping, Cecile Vanessa Ngo Noug oder Igiaba Scego thematisiert wird, ver­spricht im Rahmen eines intersektionalen Ansatzes Erkenntnisse über unter­schied­liche Dis­kri­mi­nierungs- bzw. Grenzregime, Migrationskontexte und ‚nationale‘ Iden­titäts­narra­tive in Europa. Während das Verhandeln „afro-romanischer“ Subjektpositionen etwa im französischen Kontext bereits Eingang in die theoretische und öffentliche Debatte ge­fun­den hat, ist ein solcher Diskurs, der eine ‚weiß‘ markierte Vision europäischer Kulturen heraus­fordert, in Ländern wie Spanien oder Italien bislang nur punktuell in die ge­sell­schaftliche Wahrnehmung vorgedrungen.

Die in der Sektion zu unter­suchenden „unerhörten Stimmen“ sind demgemäß immer auch im Kontext der z. T. äußerst heterogenen Ausgangsbedingungen zu lesen – hinsichtlich unter­schied­licher (post)kolo­nialer politischer und zivilrecht­licher Praxen, historischer bzw. geografischer und imagologischer Dimensionen von Migration sowie „nationaler Ge­mein­schafts­entwürfe“ inner­halb der Romania. Die komparatistische und transversale Ausrichtung der Sektion hat ent­sprech­end zum Ziel, divergierende, aber auch vergleichbare Tendenzen der länderspezifisch hete­rogenen Diskurse aufzuzeigen. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf Texten der Gegenwart; diachrone Perspektiven sind als Kontrastfolie jedoch durchaus er­wünscht.

Das zu analysierende Korpus besteht dabei aus fiktionalen ebenso wie faktualen (z.B. journa­listisch-essayistischen) Texterzeugnissen, Blogs wie Afro-Europe bzw. AfrøpeanAfro­féminas oder Nappytalia und anderen medialen Erscheinungsformen (u. a. Spiel- und Dokumentarfilmen, Comics, Musik, kulturellen Performances). All diese Ausdrucksformen können zu Instru­menten der Selbstinszenierung werden, wobei bereits die Wahl einer bestimmten Textsorte oder eines Mediums Rückschlüsse auf auktoriale Inszenierungsstrategien zulässt: So können bei­spiels­weise (auto-)fiktionale Texte größere Freiräume im Umgang mit Realitätsentwür­fen er­öff­nen, während z.B. journalistische Beiträge einen Anspruch auf Nach­prüfbarkeit und „Fakten­treue“ implizieren können.

In diesem Zusammenhang lässt sich der Frage nachgehen, ob die Autorinnen in einen „Selbst­dialog“ treten und sich – je nach Textsorte – unterschiedliche Positionen feststellen lassen, die auf eine Beweglichkeit „afro-romanischer“ Stimmen hindeuten und da­durch ebenfalls die Vorstellungen einer kohärenten (Text-)Identität als Illusion entlarven. Daran lässt sich die Frage anschließen, in welchen Medien und Zusammenhängen eine theo­re­tische Debatte „afro-ro­manischer“ Identitätsentwürfe stattfindet. Und inwie­weit sind wiederum diese Autorinnen an einem solchen Diskurs beteiligt? Inwiefern er­öffnen ihre Texte subversive Räume der Selbstartikulation innerhalb oder an den Rändern eines solchen Dis­kurses oder schlagen alternative „Blickbahnen“ (Makaping) vor? Wird in diesen Texten und Medien die Pro­ble­matik eines hegemonialen „Sprechens-für“ bzw. „Sprechens-über“ kritisch re­flek­tie­rt und relativiert, beispielsweise über dezentrierende und dia­lo­gische Vertextungsverfahren? Gleichermaßen soll in diesem Kontext die Rezeption dieser „unerhörten“ Stimmen (innerhalb und außerhalb „afro-romanischer“ Gemeinschaften) und ihre Ver­mark­tung z.B. durch Verlage beleuchtet werden.

Es werden ausdrücklich alle Länder und Regionen der Romania einbezogen, wobei v.a. jene, zu denen sich gerade in jüngerer Zeit ein gesteigertes Forschungs­interesse beobachten lässt (wie Italien oder Spanien) bzw. die bisher allenfalls am Rande betrachtet wurden (z. B. Por­tugal), neue und „unerhörte“ Perspektiven versprechen. Hierbei soll ausdrücklich der Dialog mit diesen Stimmen gesucht werden durch die Beteiligung von Vertreterinnen „afro-romanischer“ communities an der Sektion.

Als Konferenzsprachen sind alle roma­ni­schen Sprachen sowie in Ausnahmefällen auch Englisch vorgesehen.