Sektion 1

Sektion 1: Begegnung, Kreativität und Gewalt zwischen Montmartre, Montparnasse und den Banlieues. Zur Verortung der Avantgarde(n)

Martina Bengert (München), Lars Schneider (München)

Kontakt: Martina.Bengert@romanistik.uni-muenchen.de,    
Lars.Schneider@romanistik.uni-muenchen.de

Nord-Süd, Zentrum-Peripherie, voraus-zurück, vertikal-horizontal, oben-unten – Avantgarden verorten sich und ihre Praxis im Raum. Nicht umsonst erscheint Pierre Reverdys einschlägige Revue littéraire (1917–1918) unter dem Titel Nord-Sud. Dieser verweist auf zwei foyers de créativité – Montmartre und Montparnasse –, die seit 1910 durch die Metrolinie A miteinander verbunden sind. Das von den beiden Bergen bis zu 30 Meter unter die Erde hinab führende hochmoderne Transportmedium beschleunigt den Dialog zwischen zwei heterotopen Räumen der europäischen Avantgardebewegung. Im engen Nebeneinander von billigen Etablissements, Ateliers und Cafés, umgeben von Abbruchhäusern, ereignet sich eine neue Kunstproduktion. Mit Picasso, Modigliani, Giacometti, Apollinaire, Reverdy, Cocteau etc. begegnen sich nicht nur Künstler verschiedener sozialer und nationaler Herkunft, sondern mit ihnen auch diverse Kunstformen wie Malerei, Literatur, Bildhauerei und Photographie. Diese Begegnungen im Schmelztiegel Paris stehen jedoch auch im Zeichen von Konkurrenzdruck und individuellem Machtstreben. Signifikant ist, dass alle Akteure dabei auf unwirtlichem und gefährlichem Terrain operieren, das zugleich Bedingung und Ausdruck ihrer ästhetischen Einschreibepraxis ist. Der statisch äußerst unsichere Grund des Montmartre mit seinen verfallenen Gebäuden und „Sozialbrachen“, wäre daher als „terrain vague“ (Wolfram Nitsch) zu bezeichnen: als anarchistischer und hochgradig dynamischer Raum, dessen Beschaffenheit direkten Einfluss auf die künstlerische Praxis hat. Diese Instabilität sowie die hohe Dichte von Künstlern auf engstem Raum evozieren zahllose Neubesetzungen, Reformulierungen und Umprägungen des avantgardistischen Diskurses, die in ähnlicher Form auch auf dem Berg Montparnasse stattfinden.

Angesichts der Tatsache, dass sich die ehemaligen Keimzellen der historischen Avantgarden längst in touristische Großattraktionen verwandelt haben, möchte die Sektion jedoch auch die Frage stellen, ob mit den Banlieues und Cités nicht bereits neue Räume kreativer Energie im urbanen Großraum Paris entstanden sind, die nicht mehr per Métro sondern per RER zu erreichen sind. Dabei gälte es, das Bild der sozialen und kulturellen „Brennpunkte“ in seiner einseitigen negativen Semantisierung zu hinterfragen und stattdessen mit Künstlern wie den Hip-Hoppern der Saian Supa Crew, dem multimedialen Künstler Mohamed Bourouissa oder auch dem Schriftsteller und Drehbuchautoren Olivier Adam eine andere Perspektive auf die Banlieues als lieux der Kunst zu werfen. In den monotonen Betonlandschaften der zones urbaines sensibles begegnen sich, ähnlich wie im frühen 20. Jahrhundert in Montmartre und Montparnasse, Menschen mit Migrationshintergrund. Ihr explosives Miteinander entlädt sich nicht nur in brennenden Autos, sondern auch in Kunst, die zwischen Musik, (bewegtem) Bild und Text oszilliert. Es steht somit zur Disposition, ob und inwiefern sich der Begriff von der „Kunst der Zerstörung“, den Hanno Ehrlicher für die historischen Avantgarden geprägt hat, für die Banlieue-Kunst reaktualisieren lässt.

Die Sektion möchte sich dementsprechend auf die folgenden Fragen hin öffnen: Was sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Stadtvierteln Montmartre / Montparnasse und den Randzonen der Banlieues? Wer begegnet sich wie in ihnen? Wie werden die Räume besetzt und in Texten, Filmen und Bildern modelliert? Wie prägt die jeweilige Topographie die Kunstproduktion? Lassen sich die Banlieues als Räume neuer Avantgarden auffassen?

 

Bibliographie

Asholt, Wolfgang (2000): Der Blick vom Wolkenkratzer. Avantgarde – Avantgarde­kritik – Avantgardeforschung, Amsterdam: Rodopi.

Dünne, Jörg; Mahler, Andreas (Hrsg.) (2015), Handbuch Literatur & Raum, Berlin: De Gruyter.

Ehrlicher, Hanno (2001): Die Kunst der Zerstörung. Gewaltphantasien und Manifestationspraktiken europäischer Avantgarden, Berlin: Akademie Verlag.

Nitsch, Wolfram, Terrain vague (http://www.terrainvague.de, aufgerufen am 30.5.2016).

Stiglegger, Marcus (Hrsg.) (2002): Kino der Extreme. Kulturanalytische Studien, St.
Augustin: Gardez!