Sektion 25

Sektion 25: (Ibero-)Romanisch-Germanische ZwischenWelten. Exillitera­tur als Zeugnis und Motor einer vernetzten Welt

Lydia Schmuck (Marbach), Marina Corrêa (Wien)

KontaktLydia.Schmuck@dla-marbach.de, marina.correa@univie.ac.at

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts kamen zahlreiche deutschsprachige Emigranten und Exilanten aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nach Lateinamerika – vor allem nach Brasilien, Argentinien, Chile und Mexiko – und fanden dort Zuflucht vor Krieg und Vertreibung oder der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Im Rahmen dieser Migrationsströme kamen auch viele Intellektuelle sowie Künstlerinnen und Künstler nach Lateinamerika, die sich dortigen Intellektuellenkreisen anschlossen, neue Zirkel gründeten oder auch als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Aufnahmeland tätig waren. Dadurch haben sie nicht nur das Geistesleben und die Wissenschaft vor Ort beeinflusst, sondern wurden auch in besonderer Weise von dortigen Ideen und Infrastrukturen geprägt und haben wiederum auf ihre Herkunftsländer zurückgewirkt. Sie fungierten in indirekter oder auch direkter Weise als Mittlerinnen und Mittler zwischen den Kontinenten, etwa durch die Übersetzung lateinamerikanischer Werke ins Deutsche oder europäischer Literatur ins Spanische oder Portugiesische, den Vertrieb lateinamerikanischer Literatur in Europa und umgekehrt oder Briefwechsel mit Intellektuellen, Freunden oder der Familie in Europa.

Diese Emigranten und Exilanten, die zudem oft über Drittstaaten (vor allem über Frankreich, aber auch über Spanien, Portugal, Italien) nach Lateinamerika kamen, sind in doppelter Hinsicht als ZwischenWeltenSchreiber im Sinne Ottmar Ettes (2005) zu verstehen: Zum einen repräsentieren sie durch ihre Lebensgeschichte die Idee einer dynamischen, vernetzten Welt, eines dynamischen, vernetzten Denkens, so dass ihre Werke als Orte verstanden und betrachtet werden können, an denen sich Dynamik, Begegnung und Migration manifestieren. Zum anderen haben sie häufig ihre eigene Situation reflektiert und – geprägt durch die Erfahrungen von Migration und Exil und die damit einhergehende Begegnung oder auch Konfrontation mit verschiedenen Welten und Kulturen – dynamische, rhizomatische (Deleuze/Guattari 1997) oder vektorielle (Ette 2012) Konzepte von Identität, Raum und Wissen entwickelt oder neue Formen der Medialisierung oder Ästhetisierung geschaffen, um diesen neuen Erlebnissen Ausdruck zu verleihen.

Die Werke dieser Autorinnen und Autoren können dadurch weder im Rahmen der territorialen (nationalstaatlichen) Grenzen des Ortes, an dem sie verfasst wurden, begriffen und analysiert werden, noch sind sie einer wissenschaftlichen Teildisziplin zuordenbar, da sie sowohl romanistische und germanistische, als auch geschichtliche und kulturwissenschaftliche Themen umfassen.

Vor diesem Hintergrund sollen im Rahmen dieser Sektion deutschsprachige Intellektuelle, Künstlerinnen/Künstler und Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler in den Blick genommen werden, die in ein romanisches Land (vorrangig Lateinamerika und die hispanische Karibik) emigriert sind oder über eine gewisse Zeit in einem romanischen Kontext gelebt haben. Mögliche Schwerpunkte sind:

·       Archivbestände deutschsprachiger Exilanten und Migranten im (ibero-) romanischen       Raum         (Korrespondenzen, Manuskripte, Skizzen, sonstige Archivalien) im Sinne globaler Archive nach Marcel Lepper (2014; 2012)

·       Literatur- oder sprachwissenschaftliche Beiträge zu Werken deutschsprachiger Emigranten oder Exilanten in der (Ibero-)Romania

·       Kulturwissenschaftliche Beiträge zu Exil und Migration deutschsprachiger Intellektueller, Künstlerinnen/Künstler, Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler in         der/die (Ibero-)Romania

·       Theoretische Beiträge zu globaler Literatur, Weltliteratur (Borsò 2004) oder Literaturen der Welt bzw. viellogischen Philologien (Ette 2016; 2013; Müller 2014)

·       Vernetzte, dynamische Konzeptionen von Identität, Wissen und Raum – z.B. im Sinne    multidirektionaler (Rothberg 2009) oder rhizomatischer (Deleuze/ Guattari 1997)         Identitäten und Wissensformationen, einer TransArea (Ette 2012), einer Kontaktzone (Pratt 1991) oder auch einer transatlantischen Wissenschaft, wie sie Lützeler (2013) für die Germanistik beschreibt

·       (Ibero-)Romanisch-Germanischer Wissenstransfer: Verflechtungen, Transfer oder          Adaptionen von Ideen, Konzepten, Ordnungsschemata, Wissens­formationen

·       (Ibero-)Romanisch-germanischer Wissenschaftsaustausch, Einfluss der deutschsprachigen Emigranten und Exilanten auf wissenschaftliche und kulturelle Institutionen im Aufnahmeland und ihre Rückwirkung auf das Herkunftsland

·       Ästhetisierungen, mediale Ausgestaltungen der Exil- und Migrationserfahrung zwischen Lateinamerika und Europa

 

Bibliographie

Borsò, Vittoria (2004): Europäische Literaturen versus Weltliteratur – Zur Zukunft von Nationalliteratur, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 233-250, dup.oa.hhu.de/93/1/Borso.pdf (22/05/2016).

Deleuze, Gilles ; Guattari, Félix (1997): Capitalisme et schizophrénie 2: Mille plateaux, Paris: Minuit.

Ette, Ottmar (2016): Toward a Polylogical Philology of the Literatures of the World, in: Modern Language Quarterly 77, 2, 143-173.

Ette, Ottmar (2013): Viellogische Philologie: die Literaturen der Welt und das Beispiel einer transarealen peruanischen Literatur, Berlin: Tranvía/Frey.

Ette, Ottmar (2012): TransArea: eine literarische Globalisierungsgeschichte, Berlin: de Gruyter.

Ette, Ottmar (2005): ZwischenWeltenSchreiben: Literaturen ohne festen Wohnsitz, Berlin: Kadmos.

Lepper, Marcel (2014): Against Cultural Nationalism: Reply to Zachary Leader, in: Critical Inquiry 41, 153-159.

Lepper, Marcel (2012): Global Archiveswww.global-archives.de/ueber-das-projekt/.

Lützeler, Paul Michael (2013): Transatlantische Germanistik. Kontakt, Transfer, Dialogik, Berlin: de Gruyter.

Müller, Gesine (Hg.) (2014): Verlag Macht Weltliteratur: lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und ÜbersetzungspolitikBerlin: Tranvía/Frey.

Pratt, Mary Louise (1991): Arts of the Contact Zone, in: Profession 91, 33-40.

Rothberg, Michael (2009): Introduction: Theorizing Multidirectional Memory in a Transnational Age, in: ders.: Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization, Stanford: University Press, 1-32.