Sektion 21

Sektion 21: Fernsehserien in der Romania

Julien Bobineau (Würzburg), Jörg Türschmann (Wien)

Kontakt: julien.bobineau@uni-wuerzburg.de, joerg.tuerschmann@univie.ac.at

Serielles Erzählen übt spätestens seit dem Durchbruch des Feuilletonromans im 19. Jahrhundert eine bis heute gleichermaßen hohe Strahlkraft auf Rezipienten, Autoren, Kritiker und Forscher aus: Durch die Kombination von statischer Wiederholung und dynamischer Variation bietet das Serielle sowohl bereits bekannte als auch innovative Erzählmuster, die im Laufe des fortgehenden 20. Jahrhunderts nicht nur die Wirkung des Romans positiv beeinflussten. So zeigt sich die rezente TV-Serie seit Beginn der 2000er Jahre für eine episierende Revolution des Fernsehens verantwortlich, wenn der FAZ-Journalist Richard Kämmerlings die TV-Serie als einen „Balzac für unsere Zeit“[1] charakterisiert. Insbesondere US-amerikanische Fernsehsender versuchen, die im Vergleich zum Kinofilm einst so abschätzig betrachteten Fernsehformate in einem anspruchsvolleren Segment zu platzieren. Die Abgrenzung vom Medium des Films, der in der allgemeinen Betrachtung ein abgeschlossenes ‚Werk‘ darstellt, ist für die – im Gegensatz hierzu ‚offene‘ – TV-Serie mit dem Potential zu einer unendlich dehnbaren Diegese und der Einführung immer neuer Figuren, Handlungsorte und Handlungsstränge sowie einer daraus resultierenden narrativen Komplexität verbunden. In der Folge hat auch die Wissenschaft die TV-Serie längst für sich entdeckt und gemeinsam mit den TV-Kritikern einen Kanon mit hochwertigen, sogenannten Quality-TV-Serien entwickelt, zu dem u.a. die Dramen The Sopranos, The Wire oder Games of Thrones zählen.

Auch im romanischen Sprachraum existieren einige, allesamt in den letzten zehn Jahren produzierte Formate, die das Prädikat ‚Quality-TV‘ durchaus verdienen und sich aus inhaltlicher Sicht mit sehr komplexen Themenbereichen auseinander­setzen. In Frankreich hat sich das klassische Crime-Genre mit Formaten wie Baron Noir, Engrenage, Braquo oder der neuesten Netflix-Produktion Marseille progressiv verändert, lässt nunmehr dynamische Figurenentwicklungen hinsichtlich der Helden / Anti-Helden zu und greift dabei vielschichtige, transpsychologische Stoffe auf. In italienischen TV-Serien wie Romanzo CriminaleGomorrah oder 1992 dominiert u.a. die kollidierende Begegnung der moralischen Werte einer skrupellosen Mafiamentalität mit dem diametral hierzu stehenden Glauben an die aufrichtige Tugendhaftigkeit. In Spanien zeigen die Serien Vientos de aguaCuéntame cómo pasó und Gran Hotel eine thematische Bandbreite von Migration, Übergang zur Demokratie und spektakulärem Luxus im Kinoformat.

Doch während sich die globale, akademische Serienforschung mehrheitlich mit jenen Quality-TV-Formaten aus den USA publizistisch auseinandersetzt, fällt die Anzahl der empirischen und theoretischen Arbeiten zu jenen TV-Serien aus den romanischen Ländern sehr gering aus. Ziel dieser Sektion, die sich an der Schnittstelle zwischen Literatur-, Kultur- und Filmwissenschaften bewegt, ist der Ansatz zur Schließung dieser Forschungslücke.

 

Einige mögliche Anknüpfungspunkte sind:

·       Leitmotivische Themenkomplexe wie Migration, Identität, Rassismus, Integration in romanischen TV-Serien

·       Lebensweltliche Bezüge in Fernsehserien romanischer Länder zwischen Region und Nation

·       Begegnungen außerhalb Europas: serielle Produktionen und postkoloniale Theorien in Afrika, Lateinamerika, Franko-Kanada

·       Kultursoziologische Ansätze hinsichtlich der Produktion: die Migration der beteiligten Akteure (Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Drehbuchautoren, etc.) biografisch und vom Film zur Serie

·       Dynamische Entwicklung der Figurenkonzeption: vom klassischen Helden zum Antihelden und umgekehrt

·       Intermediale Analysen und medienvergleichende Ansätze in der Entwicklung vom Feuilletonroman zur Fernsehserie

·       Genrespezifische Beiträge zu seriellen Untergattungen wie Crime, Comedy und Drama in Bezug auf die Aspekte kultureller Abgrenzung, Transformation und Hybridität

·       Kritische Beiträge zu methodischen Fragen: warum braucht es – und wie gestaltet sich – eine genuin ‚kulturwissenschaftliche Serienforschung‘ in Bezug auf Dynamik, Begegnung und Migration?

Vorschläge zu weiteren Aspekten sind herzlich willkommen.


[1] Richard Kämmerlings, „Ein Balzac für unsere Zeit“, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 106 vom 08.05.2010, S. 33.