Sektion 20

Sektion 20: Begegnungen mit Texten: Textkomplexität und Textkompetenz aus fachdidaktischer und linguistischer Sicht

Angela Schrott (Kassel), Bernd Tesch (Kassel), Marta Ulloa (Kassel), Katharina Dziuk  (Kassel)

Kontakt: angela.schrott@uni-kassel.de, tesch@uni-kassel.de

Die Fähigkeit, Texte zu verstehen bzw. kommunikativ erfolgreiche Texte zu schreiben, ist eine kulturelle Kernkompetenz in der von interkulturellen Begegnungen geprägten Wissensgesellschaft, die entscheidend im Fremdspra­chenunterricht entwickelt und ausgebaut wird. Als historisches und soziales Kontextwissen, als Wissen über lexikalische oder grammatikalische Codierungen in anderen Sprachen oder als Wissen über kulturgeprägte Textmuster ermöglicht die Textkompetenz das Verstehen anderssprachiger und anderskultureller Texte auf basaler Ebene. Im Zeichen des permanenten medialen Textkontakts erscheint es daher erforderlich, die individuellen, sozialen, medialen und institutionellen Erwerbsstrukturen für dieses Wissen transparent zu machen, das Potential der romanischen Sprachen im Netzwerk dieser Strukturen hervorzuheben und didaktische Wege für die nachhaltige Anschlussfähigkeit der romanischen Sprachen in der Konkurrenzsituation mit anderen Sprachenangeboten aufzu­zeigen.

Fachdidaktische Untersuchungen zur Textkompetenz rekurrieren in den letzten Jahren verstärkt auf linguistische und kulturwissenschaftliche Modelle, die textlinguistische und textsortenspezifische Dimensionen berücksichtigen. Aus Sicht der Textlinguistik wird der Frage nachgegangen, inwiefern Schwierigkeiten des Textverstehens durch sprachliche Strukturen (Syntax, Lexikon) und kulturelle Muster (Textsorten/Textgattungen, Diskurstraditionen) bedingt sind. Unter Textkomplexität verstehen wir damit das Zusammenwirken aller im Text präsenten Faktoren, die die Verständlichkeit von Texten beeinflussen (z.B. Lexik, Grammatik, paratextuelle Faktoren). Die Komplexität eines Textes besteht allerdings nicht in einer Addition dieser Faktoren, sondern ist ein emergentes System: Der Text ist immer mehr als die Summe seiner Komponenten. Dennoch ist Textkomplexität linguistisch erfassbar, da sie sich in der Materialität der Texte manifestiert und in Komplexitätsprofilen beschrieben werden kann, die sich etwa auf die Semantik oder auf syntaktische Muster konzentrieren.

Das Wissen um die Komplexität von Texten erlaubt nun Rückschlüsse auf die Kompetenz, die man zu ihrem Verstehen benötigt. Erkennt ein Leser typische Muster der Textkomplexität, dann hat er damit zwar den Text noch nicht verstanden, verfügt aber über das Instrumentarium, auch einen schwierigen Text zu dechiffrieren. Aus diesem Grunde ist es sinnvoll, aus fachdidaktischer und textlinguistischer Sicht darüber nachzudenken, wie Textkompetenz durch Textwissen gefördert werden kann. Unter Textkompetenz verstehen wir

die Fähigkeit,

·       Texte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades verstehend zu erschließen,

·       die in ihnen vermittelten Wissensbestände zu erfassen und in eigene Wissenshorizonte zu integrieren

·       rezipierte Texte als Repräsentanten unterschiedlicher Diskurstraditionen und Textsorten zu erkennen und zu beschreiben

·       eigene Texte zu produzieren

·       die eigenen Deutungsprozesse sowie verstehens- und produktionsrelevantes Wissen zu reflektieren.

Die in der Sektion unternommene Engführung von Textkomplexität und Textkompetenz geht vom Axiom aus, dass die Verständlichkeit von Texten mit ihrer Komplexität verknüpft ist: Je komplexer ein Text ist, desto mehr Textkompetenz erfordert sein angemessenes Verstehen sowie seine Produktion. Gegenstand von Sektionsbeiträgen sind

·       die textlinguistische und didaktische Erforschung der Komplexität und Verständlichkeit relevanter Textsorten für den Unterricht romanischer Sprachen,

·       die empirische Erforschung von Bedingungen der Rezeption und Produktion entsprechender Texte sowie von Deutungs- und Produktionsprozessen im Unterricht romanischer Sprachen,

·       die Erforschung des Professionswissens von Lehramtsstudierenden und Lehrkräften der romanischen Sprachen im Hinblick auf die Vermittlung von Textwissen in Rezeption und Produktion

·       die Analyse von Texten romanischer Sprachen als Textprodukte, die in anderen sprachlichen und kulturellen Traditionen stehen

·       die Dynamik der Begegnung mit Texten, die aus romanischen Sprach- und Kulturräumen kommen

·       das Potential romanischer Texte für den Erwerb einer interdisziplinären Textkompetenz im Sinne des Kongressmottos von „Dynamik, Begegnung, Migration”.

Die Sektion ist offen für Beiträge aus der Fachdidaktik, der Text- und Diskurs­linguistik und der Kulturwissenschaft, die im Sinne des dargelegten Verständnisses von Textkompetenz interdisziplinäre Anschlussmöglichkeiten entfalten. Eine Veröffentlichung der Sektionsergebnisse wird angestrebt.

 

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