Sektion 18

Sektion 18: Interaktion, Migration und Mehrsprachigkeit im Unterricht der romanischen Sprachen

Marta García García (Göttingen), Manfred Prinz (Gießen), Daniel Reimann (Duisburg-Essen)

Kontakt: romanistentag2017@uni-due.de, daniel.reimann@uni-due.de

Mündliche Interaktionen sind nicht nur die häufigsten sprachlichen Handlungen im Alltag (Cheng 2003: 12), darüber hinaus bilden sich im Gespräch mit anderen die individuellen Identitäten, persönliche und gesellschaftliche Beziehungen werden etabliert und gepflegt sowie Sozialkompetenzen erworben (Tusón 2002: 134, Drew 2005: 74). Die im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen als eigene Teilkompetenz ausgewiesene Interaktion wurde in den deutschen Bildungsstandards sowohl für den Mittleren Schulabschluss als auch für das Abitur dem Bereich des Sprechens untergeordnet und scheint gerade in der romanistischen Fremdsprachenforschung bis dato wenig berücksichtigt zu sein (vgl. z.B. García García i.D.).

Zugleich ist festzustellen, dass in den sich zunehmend als Migrationsgesellschaften konstituierenden Gebieten Mittel- und Westeuropas die „multilinguale Schule“ (Gogolin 2008) längst Realität ist. Was die romanischen Sprachen als Schulfremdsprachen betrifft, sind immer mehr Herkunftssprecher/innen im Unterricht präsent, die weiteren Erst- bzw. Familiensprachen neben und ggf. außer dem Deutschen als Lernvoraussetzung in den Unterricht mit einbringen. Diese migrationsbedingte Mehrsprachigkeit und ihre Auswirkungen auf den schulischen Bereich wurden bisher paradoxerweise überwiegend in außerunterrichtlichen Settings erforscht (z.B. mit Testverfahren, narrativen Interviews usw.), während über die Ausprägung der Mehrsprachigkeit im (fremdsprachigen) Klassenzimmer­diskurs relativ wenig bekannt ist. Diesem Desiderat möchte die Sektion begegnen, indem sie die Forschenden dazu aufruft, die im Unterricht stattfindenden mehrsprachigen Interaktionen in den Fokus zu nehmen. Es gilt, einerseits zu erforschen, inwieweit die Schüler/innen von mehrsprachigen Ressourcen Gebrauch machen bzw. wie diese im Unterrichtsgeschehen zu fördern und zu integrieren sind (vgl. Nussbaum/Unamuno 2006, Ziegler/Sert/Durus 2012, Göbel/Vieluf 2014), andererseits ergibt sich hier Potential für die Entwicklung multipler mehrsprachiger Interaktion, die im Fremdsprachenunterricht ein absolutes Novum darstellt (exemplarisch vgl. Reimann/Siems 2015).

Des Weiteren zeichnet sich in diesem Kontext für einen der zentralen Ansätze der sog. neokommunikativen Phase des Fremdsprachenunterrichts (vgl. Königs 1991, Reinfried 2001), die in den 1990er Jahren gerade innerhalb der deutschsprachigen romanistischen Fremdsprachenforschung entwickelte Mehrsprachigkeitsdidaktik (vgl. exemplarisch Meißner/Reinfried 1998), großes Forschungspotential ab: Konzentrierte man sich hier in den Jahren nach 2000 zunächst mit der sog. Interkomprehensionsdidaktik v.a. auf die Rezeption und auf die Lernprozesse, so gilt es mit zunehmender Aufwertung der Mündlichkeit und der Interaktion (z.B. Burwitz-Melzer et al. 2014) u.a. zu erforschen, inwieweit auch produktive (und hier insbesondere die mündlichen) Teilkompetenzen durch bzw. in mehrsprachigen Settings gefördert werden können und inwiefern vorgelernte (romanische) Sprachen den Erwerb des Sprechens in einer weiteren romanischen Sprache begünstigen. Trotz vielversprechender erster Erkenntnisse (seit beispielsweise Haag 1995, Haag/Stern 2002, Operationalisierung z.B. in Holzinger 2012, Rückl 2012f.) sind auch hier weitere Forschungen möglich und nötig, um zu einer empirisch fundierten Evidenz zu gelangen.

Zudem gilt es auch zu reflektieren, inwieweit neben das Konzept des bilingualen auch das Konzept eines multilingualen Sachfachunterrichts treten könnte (z.B. Abendroth-Timmer 2007) und inwiefern hier explizit auf die mehrsprachigen Ressourcen eingegangen wird. Noch nicht ergründet wurde bis dato weiterhin, inwieweit sich die – gerade auch mündliche und interaktionale – Mehrsprachigkeit des u.a. romanophonen Afrikas als Folie für den mehrsprachigkeitsdidaktisch ausgerichteten Unterricht der romanischen Sprachen (und für den Fremdsprachen­unterricht insgesamt) eignet (einführend z.B. Prinz 1987).

Vor diesem Hintergrund will die Sektion im Spannungsfeld zwischen Migration, Mehrsprachigkeit und Interaktion u.a. folgenden Fragekomplexen nachgehen:

 

·       der Analyse der Eigenschaften und des Lernpotenzials von (ggf. mehrspra­chigen) Lernergesprächen

·       der fremdsprachlichen Interaktion im mehrsprachigen Klassenzimmer

·       dem Beitrag der Alten Sprachen und des Englischen zur Entwicklung inter­aktionaler Kompetenzen im Unterricht der romanischen Sprachen

·       mündlicher Sprachmittlung als besondere Form der (auch mehrsprachigen) Interaktion

·       der Interaktion im multilingualen Sachfachunterricht

·       der Mehrsprachigkeit Afrikas und der Unterricht der romanischen Sprachen.

 

Bibliographie

Abendroth-Timmer, D. (2007): Akzeptanz und Motivation: Empirische Ansätze zur Erforschung des unterrichtlichen Einsatzes von bilingualen und mehrsprachi­gen Modulen, Frankfurt am Main: Lang.

Burwitz-Melzer, E. et al. (Hgg.) (2014): Perspektiven der Mündlichkeit. Arbeits­papiere der 34. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdspra­chen­unterrichts, Tübingen: Narr.

Cheng, W. (2003): Intercultural conversationAmsterdam: John Benjamins.

Drew, P. (2005): Conversation analysis, in: Kristine L. Fitch; Robert E. Sanders (Hgg.): Handbook of language and social interaction, Mahwah, N.J.: Erlbaum, 71-102.

García García, M.  (i.D.): Interaktionskompetenz im Fremdsprachenunterricht:   Probleme, Möglichkeiten und Perspektiven am Beispiel des Französischen  und  des  Spanischen, in: Zeitschrift für Romanische Sprachen und ihre Didaktik, 10/1, 93-120.

Göbel, K., Vieluf, S. (2014): The effect of language transfer as a resource of instruction, in: Grommes, P.; Hu, A. (Hgg.): Plurilingual Education. Policies – practices – language development, (Hamburg Studies on Linguistic Diversity 3), Amsterdam/ Philadelphia: John Benjamins Publishing Company, 181-195.

Gogolin, I. (2008): Das monolinguale Habitus der multilingualen Schule, Münster: Waxmann.

Haag, L. (1995): Auswirkungen von Lateinunterricht, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht 42, 245-254.

Haag, L., Stern, E. (2002): Latein oder Französisch?, in: Französisch heute 33, 522-525.

Holzinger, G. et al. (2012): Descubramos el español. Spanisch interlingual, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky.

Königs, Frank G. (1991): Auf dem Weg zu einer neuen Ära des Fremdsprachen­unterrichts? Gedanken zur postkommunikativen Phase in der Fremdspra­chendidaktik, in: Taller de letras, 19, 21-42.

Meißner, F.-J., Reinfried, M. (Hgg.) (1998): Mehrsprachigkeitsdidaktik. Konzepte, Analysen, Lehrerfahrungen mit romanischen Fremdsprachen, Tübingen: Narr.

Nussbaum, L.; Unamuno, V. (Hgg.) (2006): Usos i competències multilingües entre escolars d’origen immigrantBellaterra: Servei de Publicacions de la Universitat Autònoma de Barcelona.

Prinz, M. F. (1987): Der muttersprachliche Hintergrund beim Erwerb von Deutsch als Fremdsprache am Beispiel des Senegal und der mehrsprachigen Ausgangssituation Französisch-Wolof, in: Info DaF 3, 221-235.

Reimann, D., Siems, M. (2015): Herkunftssprachen im Spanischunterricht – Sprachmittlung Spanisch – Türkisch – Deutsch, in: Der fremdsprachliche Unterricht Spanisch 51, 33-43.

Reinfried, M. (2001): Neokommunikativer Fremdsprachenunterricht: ein neues methodisches Paradigma, in: Meißner, Franz-Joseph; Reinfried, Marcus (Hgg.) (2001): Bausteine für einen neokommunikativen Französischunter­richt. Lernerzentrierung, Ganzheitlichkeit, Handlungsorientierung, Interkultu­ralität, MehrsprachigkeitsdidaktikTübingen: Narr, 1-20.

Rückl, M. et al. (2012): Scopriamo l’italiano. Italienisch interlingual, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky.

Rückl, M. et al. (2013): Découvrons le français. Französisch interlingual; Wien: Verlag Hölder-Pichler-Tempsky.

Tusón Valls, A. (2002): El análisis de la conversación: entre la estructura y el sentido, in: Estudios de Sociolingüística 3 (1), 133–153.

Ziegler, G.; Sert, O.; Durus, N. (2012): Student-initiated use of multilingual resources in English-language classroom interaction: next-turn management, in: Classroom Discourse, 3 (2), 187-204.