Sektion 17

Sektion 17: Muss romanischen Fachsprachen in der Fremdsprachendidaktik ein neuer Stellenwert eingeräumt werden?

Grégory Bozant (Luzern), Muriel Hemmi-Berwert (Zürich), Christa Satzinger (Klagenfurt, Luzern), Monika Simon (Luzern), Daphne Zeyen (Luzern)

Kontakt: christa.satzinger@aau.at, monika.simon@hslu.ch,
daphne.zeyen@hslu.ch

Die steten Innovationen und Entwicklungen im Wirtschaftsbereich, sowie die daraus resultierenden neuen Berufsbilder führen zu heterogenen Ansprüchen bezüglich fach-, bzw. wirtschaftssprachlicher Kompetenzen und bedingen grund­legende Veränderungen im Bereich der Sprachausbildung. Nicht nur interkulturelle Kommunikationskompetenzen, sondern auch richtiges Agieren und Reagieren in berufsbedingten Gesprächssituationen sind Voraussetzung für erfolgreiches Kommunizieren und Bestehen in der Berufswelt.

Romanische Fachsprachen verstärkt in Curricula zu verankern ist eine logische Konsequenz und dies nicht nur an Hochschulen, die auf berufsbildende Schwerpunkte ausgerichtet sind, sondern auch an Universitäten, denn die relative Vereinheitlichung der Studienabschlüsse in der Europäischen Union mit  Konzentration auf ein Fachgebiet (im Bereich der Romanistik auf eine Sprache) setzen eine dementsprechend berufsbegleitende Ausbildung voraus und dies beinhaltet natürlich auch die Beherrschung von fachsprachlichen Kompetenzen. Mit beruflichen Umbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen gehen sprachliche Entwicklungen einher, während Dialekte rarer werden, findet eine immer deutlicher werdende „fachsprachliche Ausdifferenzierung“ (Reinart/Pöckl, 2015) statt.

Der Fachsprachenunterricht gewinnt stetig an Bedeutung und entwickelt eine gewisse Eigendynamik, sei es durch berufsbegleitende Studien, Kombinationen mit diversen Studienrichtungen wie Wirtschaft, Technik, Kultur, Architektur, Rechtswissenschaften, um nur einige zu nennen. Und junge Sprachlehrer/innen werden oft an eine berufsbildende Schule oder Fachschule berufen, für die sie nicht wirklich fachspezifisch ausgebildet wurden (Richer, 2008). Ja selbst auf Stellenausschreibungsportalen wird zunehmend nach Fachleuten für Wirtschafts- und Fachsprachen der Romania gesucht.

Um diesen kontinuierlich steigenden Anforderungen gerecht werden zu können, bedarf es grundlegender Überlegungen, die im Rahmen dieser Sektion erörtert werden sollen:

·       Die zunehmende gesellschaftliche, wissenschaftliche und auch wirtschaftliche Relevanz von romanischen Fach- bzw. Wirtschaftssprachen steht außer Frage. Deren Verortung im Bereich diverser Curricula ist jedoch (noch) keine Selbstverständlichkeit und wirft viele Fragen auf. Können Teilbereiche der Linguistik, wie z.B. angewandte Linguistik, Stilistik, Soziolinguistik, systema­tische Linguistik diese Anforderungen erfüllen oder muss den Fachsprachen ein eigener Stellenwert in der Fremdsprachendidaktik eingeräumt werden? Wie können Lehrende eine Balance finden im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Berufsfeld einerseits und zwischen Didaktik und Fachwissenschaft andererseits? (Schneuli, 2013).

·       Wie kann eine entsprechende Didaktik vom Verwendungskontext, d.h. von der Praxis inspiriert werden, mit diesem Schritt halten und sich als handlungs­orientierte Ausrichtung der Fremdsprachenlehre, als wirkliche Fachsprache, behaupten oder gar etablieren (Situationsdidaktik) und wie kann das Vorwissen der Lernenden aus dem fachlichen Umfeld didaktisch explizit gemacht werden, ohne dass es zur Banalisierung des Lerngegenstandes führt? (Bodrini/Ghisla, 2013). Wie gelingt heute der in der französischen Tradition diskutierte Ansatz der didaktischen Transposition (transposition didactique Chevallard, 1991), das heißt der Integration von Verwendungskontext und Bildungskontext und welche Bedeutung hat dieses didaktische Element für die Lehre von Fachsprachen?

·       Romanische Fach-, bzw. Wirtschaftssprachen verfolgen eine bestimmte, präzise, sachliche Intention und stehen in gegenseitiger Wechselwirkung mit den Gemeinsprachen. Wie können die zukünftigen Sprachlehrenden effizient auf fachsprachliche Bedürfnisse vorbereitet werden, bzw. dazu ausgebildet werden, eigenständig die für das entsprechende Berufsprofil nötigen fach­sprachlichen Curricula zu entwickeln? (Mangiante/Richer, 2014)

·       Welche Möglichkeiten bietet das integrierte Sprachen- und Fachlernen (CLIL/EMILE), an welche Grenzen stößt es und wie können diese aufgehoben werden (Rüschoff/Sudhoff/Wolff/Dieter 2015)? Welche Alternativen bietet das von der Europäischen Kommission unterstützte Modell MAGICC in Bezug auf die Entwicklung von Know-how und Kompetenzen für den Gebrauch von Fachsprachen im mehrsprachigen professionellen Umfeld?

Beiträge sollten diese Fragen sowohl empirie- und theoriebasiert als auch anhand von konkreten Beispielen diskutieren.

 

Bibliographie

Chevallard, Yves (1991):  La transposition didactique du savoir savant au savoir enseigné, Grenoble: La Pensée Sauvage.

Ghisla, Gianni; Bausch, Luca; Boldrini, Elena (2013): Situationsdidaktik im Fremdsprachenunterricht. Ein Plädoyer für eine integrierte Sicht von Wissen, Können und Reflexion, in: Babylonia 02, 48-58.

Mangiante, Jean-Marc; Richer, Jean-Jacques (Hgg.) (2014): Le FOS aujourd’hui: quel périmètre et quelle influence en didactique des langues?, in: Points communs 01.

Reinart, Sylvia; Pöckl, Wolfgang (2015): Romanische FachsprachenEine Einführung mit Perspektiven aus der bersetzungswissenschaft, (Romanisti­sche Arbeitshefte 63), Berlin/Boston: de Gruyter.

Richer, Jean-Jacques (2008): Le français sur objectifs spécifiques (F.0.S.): une didactique spécialisée?, in: Synergies Chine 3, 15-30.

Rüschoff, Bernd; Sudhoff. Julian; Wolff, Dieter (2015): ClIL revisited. Eine gegenwärtige Analyse zum gegenwärtigen Stand des bilingualen Sachfachunterrichts, Berlin: Peter Lang.

Schneuli, Bernard (2013): Didaktik: Aufbau eines disziplinären Feldes. – Eine frankophone Perspektive, in: Beiträge zur Lehrerbildung, 31(1), 18-30.

Sergo, Laura; Wienen, Ursula; Atayan, Vahram (Hgg.) (2013): Fachsprache(n) in der Romania. Entwicklung, Verwendung, Übersetzung, Berlin: Frank & Timme.